Es knallt und donnert. Als Egbert Labs seine Drahtbürste an der Eisenstrebe zum x-ten Mal neu ausrichtet, ist er von Lärm umgeben. Bagger, Hämmer und Sägen, alles dröhnt durcheinander. Wenigstens regnet es jetzt nicht mehr an diesem kühlen Frühlingstag, "vorhin hat es ja noch wie aus Kübeln jeschüttet", sagt Labs. Den großen, schlanken Mann beeindrucken die äußeren Umstände aber nur wenig – harmlos sind sie im Vergleich zu dem, was er an dieser Stätte schon alles erlebt hat. An diesem trüben Tag ackert er mal wieder im Stadion "An der Alten Försterei"; und wieder kümmert er sich penibel um seine Aufgabe. Liebevoll raut er einen von vielen Wellenbrechern auf der Stehplatztribüne an, seine Akribie würde jedem Arbeitgeber ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubern.

Heute hat Egbert Labs seine Arbeit vollendet. Dabei hatte er hier gar keinen Arbeitgeber. Jedenfalls nicht offiziell. Der drahtige 48-Jährige war einer von etwa 2000 Freiwilligen, die die Heimspielstätte des 1. FC Union renoviert haben. Warum er das gemacht hat? Labs guckt verwundert. "Ist doch klar", antwortet er und schmunzelt. "Einmal Unioner, immer Unioner." So lautete das Motto auf der individuellsten Baustelle Deutschlands. Mehr als ein Jahr lang schufteten die Unioner hier, um ihrem Klub ein Stadion zu bauen; eines, das den Auflagen der Deutschen Fußball-Liga entspricht. Wegen Sicherheitsmängeln drohte dem Köpenicker Traditionsklub im vergangenen Jahr die Schließung der Alten Försterei. Eine Sanierung konnten weder das Land Berlin noch der Verein tragen. Union erhielt durch das zuständige Bezirksamt lediglich einen Baukostenzuschuss von 600.000 Euro, der Rest lag beim Klub – und seinen Anhängern. Die dürfen ihr in Eigenregie renoviertes Stadion heute mit dem Spiel ihres Teams gegen Hertha BSC eröffnen.

Dass die Köpenicker Fans im eigenen Stadion 40.000 Arbeitsstunden im Wert von zwei Millionen Euro verrichtet haben, weckte weltweites Interesse: Reportern aus Italien, Spanien, der Ukraine und sogar Japan war diese einzigartige Aktion ein Bericht wert. Viel zu viel Bohei, wenn es nach Labs geht. Er hält es für selbstverständlich mit anzupacken, ist er dem Klub doch schon seit zehn Jahren treu. "Ich sehe das nicht als Job", sagt Labs. "Das ist ein verrücktes Hobby." Und wie es sich mit Hobbys so verhält, bekam er gar nicht genug von seiner Baustelle. Zu Hause rumsitzen? Das hielt er nicht lange aus. So oft es ging, half er. Alle möglichen Aufgaben hat Labs in seinem Blaumann hier bewältigt, in fast jedem Teil des neuen Stadions wird ein Stückchen seiner Liebe stecken.

An einem Tag kurz vor der Eröffnung: Egbert Labs stoppt nur kurz sein sorgfältiges Geschrubbe, wischt sich mit dem Unterarm über die Stirn und schaut auf. "Wenn ich mich hier so umsehe und daran denke, wie es noch vor ein paar Monaten ausgesehen hat, ist es Wahnsinn, was hier geleistet wurde", erzählt er. Mehr Zeit für Sentimentalitäten bleibt ihm nicht, denn er muss sich wieder seinem verrückten Hobby zuwenden. "Das soll alles noch fertig werden."

In seinem normalen Leben ist Labs Krankenpfleger im Schichtdienst. Manchmal kam er gegen Mitternacht nach Hause und trat nur ein paar Stunden später zur nächsten Schicht in der Alten Försterei an. Das Prozedere war dann immer gleich: Um sieben Uhr morgens meldete er sich zusammen mit den anderen Helfern bei Projektleiterin Sylvia Weisheit an, die die Freiwilligen in der Regel in sechs verschiedene Bautrupps einteilte. Dann wurde gewerkelt und getüftelt – bis irgendwann eine zielgerichtete Massenbewegung einsetzte: Wie Ameisen kamen die Helfer immer um zwölf Uhr aus allen Ecken des Stadions zusammen, um sich in einem Zelt zum Mittagessen zu treffen.