Es ist der Ort, an dem der Schrecken greifbar ist. Wenn Sigmar Gabriel an diesem Donnerstag vor dem Sarkophag von Tschernobyl die Gefahren der Atomkraft beschwört, wird die Kulisse stärker wirken als all seine Worte. Die Betonhülle um den geborstenen Reaktor ist das Mahnmal einer Katastrophe, die auch 23 Jahre danach noch im kollektiven Gedächtnis der Deutschen präsent ist. Gabriel weiß: Die Bilder aus Tschernobyl werden seinen Warnungen vor den Risiken der Kernenergie in Deutschland eine ungeheure Wucht verleihen. Und das sollen sie auch. Denn Gabriel will die Kanzlerin treffen.

Seit am vergangenen Wochenende das Pannen-Kraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein nach einem neuerlichen Störfall abgeschaltet werden musste, befindet sich der Bundesumweltminister im Dauereinsatz. Ein Interview folgt dem nächsten, eine Attacke auf die andere. Gabriels Ein-Mann-Kampagne richtet sich nicht nur gegen den schwedischen Krümmel-Betreiber Vattenfall, gegen längere Laufzeiten für alte Kraftwerke oder die Zuständigkeit der Länder für die Atomaufsicht. Vor allem geht es gegen Schwarz-Gelb und Angela Merkel, die vermeintlich unangreifbare Kanzlerin.

Es ist ein Kampf nach Gabriels Geschmack. Seit Jahren agitiert er gegen das Werben der SPD um eine diffuse gesellschaftliche Mitte, fordert die "Reideologisierung" seiner Partei, sucht die "Richtungsentscheidung". Als Vattenfall sein Pannen-Kraftwerk am Samstag wieder einmal vom Netz nehmen musste, als die Atom-Manager wieder einmal Fehler und mangelnde Transparenz einräumen mussten, da konnte Gabriel sich sicher sein, ein geeignetes Thema gefunden zu haben.

Zwar gibt es in der Bevölkerung keine eindeutige Mehrheit für ein Festhalten am Atomausstieg. Aber zur Mobilisierung der eigenen Wählerschaft kann der Kampf gegen die Kernenergie beitragen. Abschalten mit der SPD, Laufzeitverlängerung mit Union und FDP: Vor diese Richtungsentscheidung will Gabriel die Deutschen bei der Bundestagswahl stellen.

Natürlich weiß der Minister, dass sich die Aufregung über Krümmel bald wieder legen wird, zumal das Skandal-AKW zumindest in den kommenden Monaten abgeschaltet bleibt. Aber immerhin hat er der SPD gezeigt, dass man den Wahlkampf aus einer großen Koalition heraus nicht zwangsläufig im Schlafwagen führen muss. Das kann für eine Partei, die seit Monaten in Umfragen kaum 25 Prozent erreicht, schon ein Aha-Erlebnis sein. Ohnehin hält der Niedersachse wenig vom Konzept der Parteiführung, die den Wahlkampf erst im August anlaufen lassen will, wenn die Ferien vorbei sind.

Und noch etwas hat Gabriel mit seinem Solo-Wahlkampf aufscheinen lassen: sein politisches Potenzial, von dem im Regierungsalltag der großen Koalition lange wenig zu spüren war. Der Sozialdemokrat, der sich selbst einen "politischen Schnellverwerter" nennt, kann komplexe Sachverhalte aufs Wesentliche zurückführen – und das in einer Sprache, die jeder versteht. Auch die Krankenschwester und der Facharbeiter, nicht nur der in der GEW organisierte Lehrer mit SPD-Parteibuch. Gabriel selbst nennt seine Sprache "nordkurventauglich".