"Los, herkommen!", fährt ein unrasierter Maghrebiner die kleine Gruppe an, die sich unweit eines Waldstücks bei Avignon auf Bänken niedergelassen hat. Er zeigt jedem einen Zettel: "Ich sag’s nur einmal: Merkt Euch die Nummer. Wenn alles vorbei ist, ruft ihr dort an und meldet, dass ihr angekommen seid. Und jetzt los, los, Laufschritt, dort vorne in den Wald, und ducken!" Aus dem Gebüsch tritt ein Kahlkopf hervor und faucht etwas Russisches. Irgendwas mit "Passport". Manche geben ein Dokument ab, andere schütteln nur stumm den Kopf.

Sprechen dürfen sie nicht. Das darf das Publikum im Theater ja fast nie, und darum handelt es sich: um eine Vorstellung auf dem Theaterfestival von Avignon , nur eben dass sie erst im Gelände und dann in einem Container spielt. Einem Container von der Sorte, wie Fluchthelfer sie benutzen, die illegal Reisenden für viel Geld den Transit über Europas Grenzen verkaufen.

" Dawai, dawai! " brüllt ein anderer Russe. Das verschreckte Menschendutzend wird in den lichtlosen Container gejagt, unter eindrucksvollem Geräusch rasten die Riegel ein, und es beginnt die Vorstellung einer Höllenfahrt, begleitet von Geschrei, Ausbeutung, Vergewaltigung, Angst und Wahnsinn. Ticket heißt das Stück, es wird bald auch in Deutschland gespielt und war in Avignon Bestandteil des Festivals off , dem Parallelprogramm zum Festival d’Avignon. Letzteres ist eine konzeptionell durchgestaltete Abfolge recht aufwändiger Produktionen, inszeniert und gespielt von den Stars des zeitgenössischen Theaters. Das Festival off hingegen ist anarchisch, hier regiert nicht die Kulturbehörde sondern der Markt, der jedes Jahr im Juli rund 800 Ensembles für gut drei Wochen in die Altstadt Avignons lockt.

Das Programm des Festivals off ist dick wie ein Telefonbuch und präsentiert die gesamte Bandbreite des Theaters. Sprechgesänge und Tanz, Lesungen und Varietés, Puppen und Kleinkunst, Privatwahn und die Experimente junger Ensembles. Alles in allem jedoch ist das freie Festival nur dem Namen nach off , denn es verläuft überwiegend in den Bahnen der Konvention; das vorherrschende Genre ist die Vorstadtkomödie. Das offizielle Festival hingegen,  subventioniert sowie von einem wohlhabenden Publikum getragen, ist Avantgarde. Seit 2005 bestimmen zwei junge Wilde das Programm, Hortense Archambault und Vincent Baudriller, und sie lassen’s krachen.

Ein Paradox, das sich auch so formulieren ließe: Bürger und Staat zahlen kräftig dafür, sich und ihr Kunstverständnis verhöhnen zu lassen. Die Boheme hingegen versucht, mit kleinbürgerlichen Angestelltenkomödien ihr Auskommen zu finden.

Die Freiheit einer Avantgarde, die keine Angst vor der Prekarität spürt, bekommt ihr freilich nicht immer gut. Sie darf fast beliebigen Aufwand mit Zeit, Raum und Material treiben und damit ihr Publikum ermüden. Mancher Buhruf wird so zum Weckruf. Etwa nach der Aufführung einer neuen Produktion der Tanzkünstlerin Maguy Marin. Sie lässt ihr Ensemble nicht tanzen, was doch eigentlich sein Beruf ist, sondern vorwiegend rezitieren, was ersichtlich nicht sein Beruf ist. Die ausdruckslos schreitenden Gestalten sammeln goldfarbene und rote Textilien von einer Bühne auf, auf der ansonsten noch Rüstungen herumliegen, und kauen währenddessen klassische Passagen über den Krieg - also: Homer, Hugo, Kleist, sowie Dolores Ibarruri, genannt La pasionara , die spanische Stalinistin, Heldin des Bürgerkriegs. Nicht enden wollend. Monoton. Ja, wie der Krieg, das ist bald verstanden; mehr allerdings ist auch nicht zu verstehen. Es bleibt bei der Erkenntnis, dass Krieg schlecht ist. Und Zeit ein kostbares Gut.