So schnell ändern sich die Zeiten. Vor wenigen Wochen standen die Banken noch am Pranger, weil sie durch allzu leichtsinnige Kreditvergabe die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten gestürzt haben. Man wollte ihnen keine Chance geben, das zu wiederholen. Zwar rettete die Politik die Geldhäuser aus Angst vor Schlimmeren, doch im Gegenzug verlangte der Staat mehr Mitsprache und kündigte an, die Geschäfte der Institute künftig strenger zu regulieren.

Auch zurzeit wird die "unverantwortliche" Kreditvergabepraxis der Banken angeprangert. Zugleich aber fordern wahlkämpfende Politiker die Banken auf, mehr Darlehen zu vergeben. Es scheint fast, als sollten sie sich für ihre Rettung bedanken, indem sie den Wählern billiges Geld gewähren.

Dieses Verhalten ist paradox, aber es überrascht nicht. Schließlich ist die Kreditblase, die im vergangenen Jahr platzte, nicht die erste ihrer Art – und an den Finanzmärkten funktionieren Blasen immer nach dem gleichen Muster. In der ersten Phase gibt es ein neues Geschäftsmodell, das wenigen Spielern Gewinne beschert. Dann interessiert sich die breitere Öffentlichkeit für die neue Erfindung, etwa weil die Medien über sie berichten oder die Anbieter stetig mehr passende Produkte auf den Markt bringen. Die jüngste Blase wurde maßgeblich durch den Verkauf von strukturierten Produkten aufgebläht, durch die Kredite der Banken gehandelt wurden. 

Die dritte Phase beginnt, wenn die Autoritäten und Institutionen an den Märkten die Entwicklung immer stärker loben. Sie erzählen beispielsweise, durch den Kredithandel würden Risiken auf so viele Anleger verteilt wie noch nie, was die Märkte insgesamt stabiler mache. Doch irgendwann platzt die Blase. Es folgt der letzte Akt, in Form der politischen Reaktionen. Ihm schauen wir gerade zu. Merkwürdigerweise sind die handelnden Personen dieselben, die noch vor Kurzem die Banken für ihren Erfindungsreichtum lobten.

In den USA hat die Regierung nun erkannt, dass außerbörsliche Geschäfte stärker beaufsichtigt werden müssen. Das ist gut so. Auch der Markt für Kreditderivate soll durch eine zentrale Stelle reguliert werden. Das ist ebenfalls richtig, denn nur so kann Transparenz geschaffen werden, die Voraussetzung für das nötige Vertrauen.

Wird aber gefordert, die Banken sollten schon wieder den Weg der laschen Kreditvergabe beschreiten, mit dem sie die Krise erst verursacht haben – dann bleiben nur zwei Schlussfolgerungen möglich. Entweder verfügen die Politiker über einen sehr geringen Sachverstand, wenn es um ökonomische Zusammenhänge geht, oder sie und die Banken treiben ein abgekartetes Spiel. Es geht so: Die Politik rettet die Institute, die sich im Gegenzug als Prügelknaben für den Wahlkampf zur Verfügung stellen. Ohne sie wären die Wahlkampfreden nur halb so unterhaltsam, und Populisten hätten es schwerer.

In diesem Fall wäre der ökonomische Sachverstand vorhanden. Nur leider würde er in Wahlkampfzeiten hintangestellt.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Auf ZEIT ONLINE beleuchtet er immer zum Wochenbeginn die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten.