Ronald Pofalla musste ganz schön schwindeln. Wie er denn das Verhältnis von CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer charakterisieren würde, wurde der Generalsekretär der CDU nach der Präsidiumssitzung seiner Partei am Montagmittag gefragt. Pofalla lächelte gequält und sagte so einen typischen, diplomatischen Generalssekretärssatz: "Beide Vorsitzenden arbeiten außergewöhnlich eng zusammen." Man befände sich in "guten Gesprächen" – und werde bestimmt "schlagkräftig und geschlossen" in die Wahl gehen.

Tatsächlich herrscht frostiges Misstrauen zwischen Merkel und Seehofer. Die Kanzlerin hält den Bayern für populistisch und unberechenbar – und das schon seit Jahren. Spätestens seit er als stellvertretender Fraktionschef 2004 gegen ihre Gesundheitspolitik polemisierte und schließlich im Streit zurücktrat. Seehofer wiederum zweifelt Merkels politischem Instinkt an: Sie erkenne keine Themen und erreiche die Leute nicht, heißt es in CSU-Kreisen.

Und nun müssen die beiden – "die Streberin und der Leichtfuß", wie der Spiegel das Führungsduo der Union diese Woche nennt – gemeinsam Wahlkampf führen. Streitthemen gibt es zwischen der Merkel-CDU und der Seehofer-CSU genug, wie bereits die letzten Wochen rund um die Verabschiedung des gemeinsamen Wahlprogramms gezeigt haben. In dieser Woche kamen neue dazu.

Hauptstreitpunkt unter den Parteischwestern ist seit dem Urteil von Karlsruhe zum Lissabonner Vertrag das Verhältnis der Union zu Europa: Ende Juni hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Bundesregierung den deutschen Parlamenten bei der Übertragung von nationalen Zuständigkeiten an Europa eine Mitentscheidung einräumen müsse. Die CSU interpretiert dieses Urteil offensiv als Einladung an die nationalen Parlamente, Europa mehr denn je mitzugestalten. Sie will, dass Bundestag und Bundesrat künftig zu jeder EU-Entscheidung eine Stellungnahme abgeben können, die für die Regierung verbindlich ist.

Dieser Kurs ist auch innerhalb der CSU nicht unumstritten. Mehrere Europapolitiker der CSU fürchten, dass die EU handlungsunfähig würde, wenn Brüssel dem ständigen Vetorecht von Bundestag und -rat unterworfen ist. Sie wurden am Wochenende jedoch von Parteichef Seehofer abgekanzelt und überstimmt.

Die CDU gibt sich traditionell weniger europaskeptisch als ihre Schwesterpartei. Ihr Europa-Experte Gunther Krichbaum warnte vor Verzögerungen und einem Scheitern des EU-Reformvertrags. "Seitens der CSU wird nicht ausreichend wahrgenommen, wie sehr alle anderen Länder auf Deutschland schauen", sagte er. Auch der bisherige EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering (CDU) warnte die CSU vor einem Scheitern des Lissabonner Vertrags. "Man darf mit diesem Vertrag nicht spielen", sagte er. "Jeder, der den Vertrag gefährdet, könnte eine historische Schuld auf sich laden."

Seehofer hingegen betonte am Montag in München: Die CSU-Forderung entspräche "Wort für Wort" dem Europawahlprogramm der CSU. Auch die CDU habe doch stets mehr Mitspracherechte bei EU-Themen verlangt, als sie noch in der Opposition saß.