Der Gründungsmythos des Dub klingt so: Eines schönen Tages im Jahr 1968 ließ der jamaikanische Plattenaufleger Ruddy Redwood für den Auftritt  seines Soundsystems ein Stück der Band The Paragons in Vinyl ritzen. Der Produzent Byron Smith vergaß, die Gesangsspur hinzuzufügen und bannte aus Versehen nur die Instrumente auf die Scheibe.

Redwood war begeistert und schickte nachts das Wummern der Fehlpressung durch die Dancehall. Den Text toastete er, heute würde man sagen, er rappte ihn ad hoc dazu. Zehn, zwanzig Mal musste er das Stück spielen. Später ließ er eine Single pressen, auf der A-Seite das Original, auf der B-Seite die Version. Viele taten es ihm nach und bannten mehrere Versionen eines Liedes auf ihre Singles.

Erst ein paar Jahre später wurde Dub zu dem, was wir heute kennen. Da kamen andere auf die Idee, an diesen Instrumentalversionen herumzuspielen. Osbourne Ruddock etwa, genannt King Tubby, und Lee "Scratch" Perry, zwei Musikproduzenten und Studiobetreiber. Sie entkernten die Lieder, ließen nur noch Bass und Schlagzeug stehen – den Riddim – und verfremdeten deren Klänge, bauten Hall und Echo ein. Ihr Prinzip: Die Höhen schärfen, die Tiefen in den Keller! In der Dancehall begannen die Stücke zu leben, fegten Riddim und Toast die Tanzenden über Kingstons Hinterhöfe.

Im jamaikanischen Tanz sei der Bass sehr wichtig, erzählt der Musiker Mutabaruka in Bruno Natals Dokumentation Dub Echoes. Riesige Basslautsprecher befeuerten die Tanzfläche,  es töne "wuumm – wuumm – wuumm – wuumm." In Deutschland hingegen klinge ein Tanz "iiihhk –  iiihhk". In Jamaika halte man sich das Herz, in Deutschland die Ohren.

Dub Echoes erzählt die vielen Geschichten des Dub: King Tubbys Studio war ein winziges Badezimmer, vollgestopft mit minimalistischer Technik, Lee Perrys Black Ark war kaum besser ausgestattet. Als sie in den Siebzigern begannen, an den Knöpfen ihrer Mischpulte herumzuspielen, da hatten Mischpulte noch kaum Knöpfe. Es gab keine Taste auf der Reverb stand, kein Rädchen mit der Aufschrift Echo oder Delay. Sie schlossen Rekorder zusammen, zerschnitten Bänder, legten ihre Mikrofone in Blechtonnen, löteten sich kaputte amerikanische Gerätschaften neu zusammen. Noch bevor der Sampler überhaupt erfunden wurde, sampelten sie mit Hilfe von Schere und Leim. Aus Ingenieuren wurden Künstler. Tubby und Perry erfanden den Dub und die Grundprinzipien des Remixens.