In Großbritannien jagt ein Skandal den anderen, keine Institution des Landes bleibt davon verschont: Erst beschädigten Abgeordnete durch ihr schamloses, teilweise kriminelles Ausgabengebahren das Ansehen des Parlamentes; nun steht die vierte Gewalt, die Presse, am Pranger. Es geht um die angeblich weitverbreitete Praxis, sich illegaler Mittel zur Beschaffung von Informationen über Celebritys, Politiker und Sportler zu bedienen.

Die Politiker stoßen insgeheim einen Seufzer der Erleichterung aus, nachdem die Medien mit ihnen gnadenlos, mit einer guten Portion Selbstgerechtigkeit, umgesprungen waren. Jetzt endlich bietet sich die Gelegenheit, den Spieß umzudrehen und die garstige Presse vorzuführen. Wobei Labour-Politiker doppelten Grund zur Genugtuung haben. Nach langen, düsteren Monaten ist mit dieser Enthüllungsstory des Guardian endlich ein Lichtblick am Horizont aufgetaucht: ein Skandal, der ausnahmsweise einmal nicht die Regierung trifft, sondern der womöglich gar die Gelegenheit bietet, Oppositionsführer David Cameron zu beschädigen.

Cameron hatte in den vergangenen Monaten leichtes Spiel. Genüsslich war er Schlitten gefahren mit dem unglückselig agierenden Gordon Brown. Jetzt droht der Tory-Chef indirekt in den Handyskanal verstrickt und sein politisches Urteilsvermögen hinterfragt zu werden. Denn sein Kommunikationsdirektor ist niemand anderes als Andy Coulston, der frühere Chefredakteur der News of the World. Er trat 2007 von seinem Job bei dem Boulevardblatt zurück, nachdem sein Royalty-Reporter zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. Der hatte die Mailbox von drei Angestellten des Hofes von einem eigens dafür angeheuerten Privatdetektiv anzapfen lassen und sich so exklusive Informationen verschafft, die dann die News of the World druckte.

Coulston versicherte danach, er habe nichts davon gewusst. Noch ist Cameron entschlossen, an seinem Kommunikationsdirektor festzuhalten. Coulston, sagt der konservative Parteichef, habe sich ehrenvoll verhalten, anders als viele Minister der Labour-Regierung in einer vergleichbaren Situation. Deshalb habe er eine zweite Chance verdient.

Doch die Zweifel wachsen, ob Coulston tatsächlich ein solches Unschuldslamm ist. Ein Privatdetektiv, der jahrelang für News of the World gearbeitet hat, versicherte jetzt, die Praxis sei bei dem Blatt wie überhaupt bei der Boulevardpresse "Routine". Jedermann bediene sich der Methode. Den Nummerncode der Anrufbeantworter von Handys prominenter Zeitgenossen zu knacken sei ein "Kinderspiel". Der Guardian beruft sich auf seine Quelle bei Scotland Yard und behauptet, Tausende von Celebritys seien so abgehört worden. Die Zahl scheint ein bisschen künstlich aufgebläht, weil alle Personen aufgelistet wurden, die eine Nachricht auf dem belauschten Anrufbeantwortern hinterließen. Betroffen seien, fügte der Guardian davon unter anderem Sir Alex Ferguson, der Manager des Fußballclubs Manchester United und Alan Shearer, früherer englischer Stürmerstar.

Nimmt man hinzu, dass News International, der britische Zeitungsarm des Murdoch-Empires, bereit war, mehr als eine Millionen Pfund außergerichtlich an Betroffene der Abhöraktion zu bezahlen, um damit ihr Schweigen zu erkaufen, lassen sich leicht die bangen Gefühle ausmalen, mit der Cameron den Fortgang des Handyskandals verfolgt.

Coulston wird bald von einem Ausschuss des Unterhauses erscheinen müssen und dort unter Eid auszusagen. Davon hängt ab, ob er in seinem gut dotierten Job als Spindoktor der Tories überleben wird. Leicht dürfte es für Cameron nicht werden, an ihm festzuhalten. Ein Spindoktor soll seinen politischen Herren helfen, in der hektischen Welt der Medien erfolgreich zu navigieren, Aussagen zum richtigen Zeitpunkt zu machen, den politischen Gegner auszumanövrieren und gezielt die unterschiedlichen Bedürfnisse des "vielköpfigen Medienmonsters" zu bedienen.