Am Anfang stand ein "komischer Gedanke". Er klingt harmlos: Charlotte Behring (Name geändert) öffnete eine Schublade, sah darin Zigaretten und ein Feuerzeug: "Und auf einmal", erzählt sie, "kam mir die Fantasie, dass ich etwas anzünden könnte."

Kurz darauf habe dann die Angst vor ihren möglichen Taten begonnen und damit ihre Zwänge. Die beherrschten sie schließlich so sehr, dass sie irgendwann kein eigenes Leben mehr hatte. "Es war das Leben meines Zwangs geworden." Bald konnte sie nicht mehr Auto fahren, weil sie stets glaubte, jemanden überfahren zu haben.

Und überall, so schien es ihr, brannten Kerzen: Teelichter zwischen Wäschestapeln, die sie zusammengelegt hatte, Leuchter dicht neben Gardinen, angezündet von ihr selbst. "Ich habe immer gedacht, alles brennt ab, und ich bin schuld." Sie konnte die komischen Gedanken und ihre tatsächlichen Handlungen nicht mehr auseinander halten und glaubte, dass sie alles, was sie dachte, auch tat.

Jahrelang war sie der Meinung, sie sei die Einzige, die unter solchen Vorstellungen litt. Ein Monster. Eine Psychologin und ein Psychoanalytiker, bei denen sie in Behandlung war, sprachen nur von "Ängsten". Diese Ängste wurden aber trotz Therapie nicht weniger. Sechs Jahre nach dem ersten "komischen Gedanken" wurde sie schließlich nach einem Zusammenbruch in eine spezielle Klinik eingeliefert. Dort hörte sie zum ersten Mal den Begriff "Zwänge" und erfuhr, dass es viele Menschen gibt, die sie haben.

"Rund zwei Prozent der Bevölkerung leidet unter Zwangserkrankungen, aber nur jeder zehnte Patient wird adäquat behandelt", sagt Eva Kischkel, Therapeutin in der Hochschulambulanz für Psychotherapie und Psychodiagnostik des Instituts für Psychologie der Humboldt Universität in Adlershof. Kischkel forscht über Zwangsstörungen und behandelt Patienten.