Wenn von "Psychologie und Folter" die Rede ist, wird man zuerst an therapeutische Aufgaben denken. Schließlich spielen Psychologen eine wichtige Rolle bei der Betreuung von Folteropfern, die unter den Folgen ihrer schlimmen Erfahrungen leiden. Der Versuch, sie zu lindern, erfordert profundes Wissen über die Auswirkungen, die solche "Verwüstungen der Seele" haben.

Die Psychologie trägt aber auch dazu bei, die Bedingungen besser zu verstehen, unter denen es zu Folter kommt; sie betreibt Ursachenforschung. So wäre Folter kaum denkbar ohne die Annahme, dass bestimmte Personen und Kulturgruppen minderwertig seien und man ihnen jene Rechte absprechen könne, die wir ansonsten für selbstverständlich halten.

Aus der Geschichte wie auch aus experimentellen Studien kennen wir die Neigung von Menschen, auf Basis beinah xbeliebiger Merkmale – sei es Hautfarbe, Religion, Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Orientierung – andere auszugrenzen und ihnen das zu verwehren, was wir als elementares Menschenrecht für uns beanspruchen. Die Psychologie kann die Mechanismen solcher Kategorisierungen aufklären helfen. Die Voraussetzungen sowie die Auswirkungen von Folter gehören folglich in ihren Untersuchungsbereich.

Wenn von "Psychologie und Folter" die Rede ist, denkt jedoch kaum jemand daran, dass Psychologen auch zur Entwicklung und Verfeinerung von Foltertechniken beitragen und sich sogar an ihrem Einsatz beteiligen. In den letzten Jahren kamen mehr und mehr Details darüber ans Licht, wie sehr Vertreter des Fachs in solche Machenschaften verstrickt sind.

Mit der Etablierung demokratischer Rechtsstaaten und ihrer weit gehenden Kontrolle durch die Öffentlichkeit veränderte sich auch
das Gesicht der Folter. Um sie gleichsam unsichtbar zu machen, verlegten sich die Sicherheitsorgane auf Techniken, die man als Clean Torture, White Torture oder Psychological Torture bezeichnet. Auf Grundlage psychologischer Befunde entwickelte Methoden können den Willen eines Gefangenen ebenso effizient brechen wie "traditionelle" körperliche Misshandlungen. Jedoch hinterlassen sie keine äußerlich sichtbaren Spuren, was diese neuen Techniken insbesondere für Militärs und Geheimdienste so verlockend macht.

An den "innovativen Verhörmethoden", wie sie etwa in den Gefangenenlagern in Guantánamo, Bagram oder Abu Ghraib zum Einsatz kamen, haben Psychologen entscheidend mitgewirkt. In den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet dies im Jahr 2007: Damals bekundete die größte psychologische Berufsvereinigung, die American Psychological Association (APA), dass Psychologen, die "innovative Verhörtechniken" entwickeln oder Sicherheitsleute darin ausbilden, "einen wertvollen Beitrag" leisten, um "Schaden von unserer Nation, anderen Nationen und unschuldigen Zivilisten abzuwenden".

Um die Tragweite einer solchen Legitimierung der weißen Folter zu verstehen, muss man die Hintergründe näher betrachten. Nach internationalen Rechtsnormen stellt Folter einen Angriff auf ein Rechtsgut dar, das absolut schützenswert ist. Das Folterverbot gestattet keine Ausnahmen – auch nicht im Fall eines politischen oder gesellschaftlichen Notstands. Es gegen andere Rechtsgüter abzuwägen, gilt grundsätzlich als nicht statthaft.

Diese strikte Gesetzeslage soll dem Machtanspruch des Staates und seinem Streben nach Kontrolle rechtliche Grenzen setzen. Allerdings gab es in der Vergangenheit viele Versuche, die Absolutheit des Folterverbots zu unterlaufen. Die Befürworter "innovativer Verhörmethoden" bezeichnen diese zwar selbst als "harsch" oder "verschärft", betonen aber, dass es sich nicht um Folter im eigentlichen Sinn handle.

Eine Frage des "Ausgeliefertseins"

Ob etwas als Folter anzusehen ist oder nicht, lässt sich freilich nicht allein am Grad des verursachten körperlichen oder seelischen Schmerzes messen. Das bestimmende Merkmal ist vielmehr die Situation, in der sich der Gefolterte dem Willen des Folterers ausgeliefert fühlt. Bestimmte, oft in Kombination eingesetzte Techniken stellen ein äußerst effektives Mittel dar, um den Willen eines Menschen zu brechen. Hierzu zählen vor allem: räumliche und zeitliche Desorientierung, soziale Isolation, Reiz und
Schlafentzug, sensorischer Schmerz durch Lärm und grelles Licht, Erzwingen körperlicher Stresspositionen sowie sexuelle und kulturelle Erniedrigung.

An den ersten Untersuchungen zu den Folgen sensorischer Deprivation in den 1950er Jahren war einer der damals bedeutendsten Psychologen, der Kanadier Donald O. Hebb, entscheidend beteiligt. Hebb berichtete, dass sich "die Identität von Versuchspersonen aufzulösen begann", nachdem diese zwei bis drei Tage lang schalldichte Kopfhörer, eine Augenbinde und besondere, das Tastempfinden reduzierende Kleidung trugen. Wie viele andere Forscher suchte Hebb nach Mitteln und Wegen, die psychische Widerstandskraft und den Willen einer Person zu schwächen.