"Kimberley - wie kann man nur?" fragt Frau T. und zieht ihre Haarspange mit kräftigem Ruck an den Haaransatz zurück. "Es kommt noch besser", sagt die Freundin und streicht das Leder ihrer Handtasche glatt: "Cheyenne. So heißt Kimberleys Schwester. Der Hammer, oder?" "Und die Kleine ist Mandy", prustet die Dritte und die drei Damen biegen sich vor Lachen. Sie unterhalten sich über die Töchter der Bäckerin.

Ich stehe auf dem Parkplatz vor dem Gymnasium und warte zusammen mit den anderen Eltern auf den Schulbus, um meinen Neffen in Empfang zu nehmen. Er heißt Konstantin. Das ist o.k. Seine Tischnachbarn in der Schule heißen Karl, Christian und Robert. Die Mädchen heißen Franziska und Elisabeth.

Herr F., der mit halbem Ohr zugehört hat, nähert sich mit jovialem Lächeln und sagt: "Aber, das müsst Ihr zugeben, es macht die Sache verdammt einfach. Wenn unser Richard fragt: Darf ich mich mit Kevin verabreden, ist die Antwort ganz klar: Nö."

"Jetzt aber mal im Ernst", meint Frau von D., "wie kann man sein Kind nur so furchtbar mit einem Namen stigmatisieren. Nun, ich denke, das kommt von diesen amerikanischen Sendungen, die die Sozialschwachen so gern sehen. Diese Schön-und-Reich-Filme." Frau P. nickt mitleidig. Sie ist befreundet mit der Familie von D. Ich spare mir meinen Kommentar zum Begriff "sozial schwach", denn in diesem Moment rollt der Schulbus ein.

Nach dem Wochenende treffe ich Manuela vor dem Familienzentrum. Mit ihren grell blondierten Haaren, der etwas zu eng und zu kurz sitzenden Hose und dem breiten Dialekt entspricht sie dem Klischee, das die Damen auf dem Parkplatz im Kopf hatten. Manuela wuchs auf in der Nähe des Familienzentrums. Ihr Sohn Ryan geht in die gleiche Grundschule, die sie selbst schon besuchte. Ihr ältester Sohn, der nach dem Sommer das Gymnasium besuchen wird, heißt Kevin. Sie und ihr Freund fanden, dass das gut zusammen passt. Kevin und Ryan – beides alte irische Vornamen.

Manuela fehlt es an vielem, der Urlaub findet auf dem Spielplatz statt und am Baggersee. Kleidung kauft sie fast nur auf dem Flohmarkt, im September beginnt sie, für die Weihnachtsgeschenke zu sparen, und sie hat jetzt schon Angst vor den hohen Kosten für die Klassenreisen. Jeden Sonntag legt sie sich einen Briefumschlag zurecht, in den sie genau den Geldbetrag steckt, den sie in der kommenden Woche ausgeben kann.

Manuela ist arm, doch sie ist alles andere als sozial schwach. Sie ist es, die nachts angerufen wird, wenn Elke das Geschrei ihres Neugeborenen nicht mehr aushält. Dann geht sie über die Straße, den Mantel über dem Schlafanzug, nimmt das erhitzte Kind und kocht der Mutter einen Tee. Manuela kennt Elke seit der siebten Klasse und fühlt sich ihr noch immer verbunden.