Alaa Al-Aswany (52) ist von Beruf Zahnarzt. Bekannt wurde er 2002 durch seinen Roman "Der Jakoubijan-Bau". Das Werk zeichnet einen Mikrokosmos von der ägyptischen Gesellschaft, die von Unterdrückung und Machtmissbrauch geprägt ist. Das Buch wurde in der arabischen Welt zu einem Bestseller und ist auch ins Deutsche übersetzt. Ein Interview zu dem Mord an der 31-jährigen Ägypterin durch einen Russlanddeutschen in einem Dresdner Gerichtssaal.

Frage: Die Bluttat von Dresden hat in Ägypten viele Menschen schockiert. Wird die Tat das Verhältnis zwischen beiden Völkern belasten?

Alaa Al-Aswany: Wir Ägypter sind zivilisierte Leute. Wir können zwischen normalen Deutschen und Kriminellen unterscheiden. Aber es gibt zwei Aspekte in dieser Tragödie, die uns beschäftigen. Der eine ist der westliche Rassismus. Der andere das Verhalten der Polizei in dem Gerichtsgebäude.

Frage: Was meinen Sie konkret?

Al-Aswany: Der Täter hat 18 Mal auf diese unschuldige Frau eingestochen, vor den Augen des dreijährigen Sohnes. Und als endlich ein Polizist auftauchte, hat der zuerst auf ihren Ehemann geschossen. Wir haben eine sehr hohe Meinung von den Deutschen. Was in Dresden passiert ist, passt nicht zu dem Bild, was wir von ihnen haben. Die Leute hier fragen sich, was wäre passiert, wenn ein Muslim mit langem Bart erschienen wäre und hätte ein Messer gezückt. Den hätte man als islamischen Terroristen auf der Stelle erschossen.

Frage: Ist das für Sie ein Indiz für Islamfeindlichkeit in Deutschland?

Al-Aswany: Ich bin relativ oft in Deutschland. Mein Eindruck ist, um ehrlich zu sein, dass Islamfeindlichkeit dort sehr verbreitet ist. Und die Leute, die vorher im Geheimen Rassisten waren, sehen inzwischen keinen Grund mehr, mit ihrer Einstellung hinter dem Berg zu halten. Dieser Rassismus hat eine Atmosphäre geschaffen, dass nun einzelne – wie dieser Mann in Dresden –  denken, sie hätten das Recht, auf eine islamische Frau loszugehen und sie zu erstechen. In einer Atmosphäre von Hass und Rassismus werden Menschen, die anders sind, enthumanisiert.

Frage: Wie empfinden Sie die offiziellen Reaktionen deutscher Politiker?