Unter Europas Sozialdemokraten breitet sich Resignation aus. Überall bieten sie ein Bild des Jammers. In zwei Jahren könnte es keine einzige Regierung der linken Mitte mehr geben. Dabei hatten sich viele Sozialdemokraten von der Krise des Kapitalismus Auftrieb erhofft. Besonders in ihrem linken Flügel herrschte zeitweilig unverhohlene Genugtuung. Passé schienen endgültig Neue Mitte, Dritter Weg und all die sozialen Reformprogramme mitsamt ihrem Glauben, es ließen sich Marktprinzip und soziale Gerechtigkeit miteinander vereinbaren.

Nun kehre der Staat zurück, es breche eine neue sozialdemokratische Ära an, lautete die Hoffnung. Dabei war der Staat nie weggegangen: In Großbritannien zum Beispiel ist die Staatsquote binnen zehn Blair-Jahren von 38 auf 42 Prozent gestiegen.

Die bittere Wahrheit ist, dass die Sozialdemokratie schon lange vor der globalen Krise ins Schleudern gekommen ist und sich ihre Lage nun auch nicht kurzfristig verbessert. Gewiss lässt sich unattraktives Spitzenpersonal als ein Grund dafür anführen, wie Gordon Brown in Großbritannien oder Frank-Walter Steinmeier in Deutschland. Doch ist es ein folgenschwerer Irrtum, den "Irrweg" von Modernisierern wie Blair, Schröder oder Wouter Bos in den Niederlanden verantwortlich zu machen für den beklagenswerten Zustand der sozialdemokratischen Parteien.

Temporärer Niedergang als Folge von Abnutzung und Fehlern, die sich bei längerer Regierungsdauer zwangsläufig einstellen, ist unvermeidlich. Das zeigt sich selbst bei alles in allem erfolgreichen sozialdemokratischen Regierungsperioden wie in Großbritannien, Deutschland oder Schweden. Die Verluste bei den Europawahlen waren letztlich nur ein Ausdruck davon. Bezeichnender ist, dass Sozialdemokraten überall in Europa seit geraumer Zeit keinen überzeugenden Wahlsieg mehr hingelegt haben.

Und es wird noch schlimmer werden. Die britische Labour-Partei, in den Neunzigern die Vorhut der reformierten Sozialdemokratie, wird sich spätestens 2010 nach drei Wahlsiegen und 13 Regierungsjahren von der Macht verabschieden. Schröders SPD hatte es im Grunde bereits nach sieben Jahren erwischt; sie vermochte sich nur als Juniorpartner in die Große Koalition zu retten. Und auch damit könnte es nach dem 27. September zu Ende sein.

Wer weiß, vielleicht hat die Sozialdemokratie ausgedient, ihre historische Mission erfüllt und wird einfach nicht mehr benötigt. Der kürzlich verstorbene Soziologe Ralf Dahrendorf hatte bereits in den siebziger Jahren das "Ende des Sozialdemokratischen Zeitalters" prophezeite. Seither ist ihre traditionelle Klientel, die Industriearbeiterschaft, weiter geschrumpft, die Fähigkeit, die breiten, individualisierten Mittelschichten anzusprechen, wurde dringlicher.

Politiker wie Schmidt, Blair, Persson und Schröder zogen daraus die Konsequenzen. Sie wussten stets, dass sich Mehrheiten nur in der Mitte finden lassen, und setzen einen solchen Kurs gegen maulig-nostalgische Anhänger und Funktionäre durch. Heute besitzt diese Strategie geradezu existenzielle Bedeutung.