Es gibt kein Entkommen. Die ganze Welt ist durchdesignt, von der Klobürste bis zur Wasserflasche, Läden wie Wohnungen quellen über vor Dingen, die keiner wirklich braucht. Deswegen ist Marije Vogelzang so froh: dass ihr Design verschwindet, kaum, dass sie es entworfen hat. In den Bäuchen ihres Publikums.

Was bleibt, was beim Essen immer bleibt, ist die Erinnerung. "Erinnern Sie sich an Ihr erstes Eis?", fragt die Holländerin. "Was haben Sie gegessen, als Sie sich das erste Mal verliebt haben?" Für eines ihrer Projekte, im Rotterdamer Historischen Museum, hat die 31-Jährige Reminiszenzen an das verheerende Bombardement 1940 aktiviert, bei dem der alte Stadtkern praktisch komplett ausradiert wurde: indem sie Speisen aus der Kriegszeit nachkochte und als Häppchen servierte. Falsche Bouletten aus Bohnen und Mehl zum Beispiel, die bei den alten Rotterdamern genauso funktionierten wie bei Proust die Madeleine: "Ein kleiner Bissen 'Valsch Vleesch' löste ganz intensive Gefühle aus, traurige wie schöne," so die Holländerin. Denn auch das hatten die Kinder von einst, neben der ganzen Not, nicht vergessen: das gemeinsame Essen mit Eltern und Großeltern, die Freude über das wenige, was es gab.

Essdesignerin nennt Marije Vogelzang sich – in Abgrenzung zu Fooddesignern. Das sind Leute, die Lebensmittel manipulieren, Chemiker, die Erdbeerjoghurt herstellen, in dem nie eine Erdbeere war, oder Stylisten, die Gerichte so herrichten, dass sie gut aussehen. Aber natürliches Essen, erzählt Vogelzang beim Gespräch in Berlin nach durchfeierter Nacht, ist gut genug, da muss man nicht dran rumfummeln. Und so ästhetisch die Präsentation ihrer Speisen auch immer ist: Ihr geht es um weit mehr als die Optik. Es ist der Akt des Essens, der sie fasziniert, den sie inszeniert. Das Ganze interessiert sie, das Anbauen und Ernten, das Putzen und Schneiden, das Kochen und Probieren, das Servieren und Verspeisen und, auch das, die Verdauung. Die Gefühle, die mit all dem verbunden sind, die Geschichten.

Marije Vogelzang, poppig gekleidet, ist groß, jung und energisch. Beim "Designers’ Dinner" des Berliner DMY-Festivals vor ein paar Wochen, brachte sie das plappernde Publikum schnell zum Verstummen. Zuhören sollten sie! Was sie macht, macht sie ja schließlich nicht nur zum Spaß, auch wenn sie mit dem Essen spielt. Es ist kein zweckfreies Spiel, was sie da treibt, es ist eins mit Nährwert und Erkenntnisgewinn – Food for thought.

Gerade das Spielerische an ihren Projekten macht diese pädagogisch so wertvoll. Für eine New Yorker Klinik, in der übergewichtige Kinder behandelt werden, entwarf die Designerin ein Buffet mit Finger Food in den Farben des Regenbogens. Dazu schrieb sie, nach der Lektüre diverser Farbphilosophien, auf Schildchen, wozu rote Paprika oder Erdbeeren zum Beispiel gut sind (Kraftfutter), grüne Avocado oder Gurken (zum Entspannen), schwarze Oliven: für Magie. Jedes Kind sollte sich selbst aussuchen können, wozu es in der Stimmung war. Ob die Farbtheorien stimmen, ist der Designerin dabei ziemlich egal. Worauf es ihr ankommt: Den Widerwillen gegen "gesundes Essen" zu brechen, indem sie ihn in Lust umkehrt.

Dass die Klinik die Idee wegen Geldmangels dann doch nicht umgesetzt hat, findet sie schade, aber nicht dramatisch. Dann serviert sie es eben anderswo: beim Berliner Designers’ Dinner zum Beispiel. Eine unglaublich schöne Präsentation kleiner Häppchen in Farbblöcken, auf einer langen schlanken Tafel aus Holztabletts – kräftiger Gouda, schwarze Oliven, würzige Hackbällchen, gegrillte orangene Paprika. Auch wenn sie das Kochen den Profis in ihrem Team überlässt, jeder Happen entspricht ihrer Philosophie: schlichtes, aber sehr gutes, frisches Essen, die meisten Zutaten aus Bioanbau, das knusprige Landbrot selbst gebacken .

An dem ursprünglichen, gesundheitsfördernden Konzept des Regenbogenbuffets arbeitet die Designerin weiter. Für die Cafeteria eines Krankenhauses in Gouda entwickelt sie Speisen, die den Patienten wieder Appetit machen sollen. Mit ihrer kleinen Tochter und deren Freunden, die nie Lust hatten auf Gemüse, hat sie aus Radieschen und Rettich Ohrringe und Brillen gemacht. Als einziges Werkzeug durften die Kinder ihre Zähne benutzen. So sind sie auf den Gemüsegeschmack gekommen. Denn Geschmack ist etwas, was man lernen kann. Siebenmal, so hat Vogelzang gelesen, muss man etwas essen, bis es einem schmeckt.