Der Hubert ist ein Schlauer. Er sagt nicht, dass ich mir mal ein neues Tourenrad leisten sollte. Er fragt mich auch nicht geradeheraus, wann ich eigentlich das letzte Mal im Sattel saß – obwohl seine Blicke auf meine Ausrüstung und Beinmuskulatur keine Zweifel lassen, welche Gedanken ihm gerade durch den Kopf gehen. Stattdessen sagt Hubert: "Manche schaffen es nicht mal bis zum Dürrensee." Das wirkt. Der Dürrensee liegt ungefähr zehn Kilometer hinter Toblach. Von Toblach im Südtiroler Pustertal, unserem Ausgangspunkt, bis nach Calalzo in der Region Veneto sind es etwas mehr als sechzig Kilometer. Die Route führt an der aufgelassenen Trasse der legendären Dolomitenbahn entlang, die vor einigen Jahren zum Radweg umfunktioniert wurde und nun Lunga Via delle Dolomiti heißt.

Ich habe Hubert gefragt, ob er mich nach Calalzo begleiten würde. Hubert Steiner, den alle nur Hubi nennen, ist ein braungebrannter Kerl um die 60, durchtrainiert, ganz Typ sportlicher Jungrentner. Im Auftrag des hiesigen Tourismusamts nimmt er regelmäßig Gäste auf Mountainbiketouren mit. "Heute ist zwar mein freier Tag", sagt Hubi, "aber die ganze Strecke habe ich selbst noch nie gemacht!" Im Stillen beschließe ich, diesen sympathischen Mann auf keinen Fall zu enttäuschen.

Der Radweg ist perfekt, gut zwei Meter breit, mäßig steil und von einer kompakten Schicht Kalkschotter bedeckt. Es ist früh am Morgen, langsam lichten sich die dichten Wolkenvorhänge über den umliegenden Gipfeln. Aber ich habe jetzt keine Zeit für die spektakuläre Gebirgslandschaft des Höhlensteintals, das sich in südlicher Richtung von Toblach bis zum Cimabanchepass hinaufzieht, wo Südtirol an Venetien grenzt. Ich achte darauf, stets in Huberts Windschatten zu bleiben. Mein Blick klebt an den reflektierenden Stollenprofilen von Huberts Carbonbike. An seinen Unterschenkeln zeichnen sich faustdicke, mir bisher unbekannte Muskelpartien ab. Ich nehme mir vor, künftig wieder öfter mit dem Rad zu fahren. Ansonsten konzentriere ich mich ganz auf meine Atmung, die zunehmend flattrig wird.

Wir kommen an der Festung Höhlenstein vorbei. Das Bollwerk der Österreicher spielte im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle. Als Italien 1915 in den Krieg eintrat, wurde das Gebiet um den Cimabanche zum Kampfplatz. Auch die Geschichte der Zugverbindung mitten durch das Herz der Dolomiten ist eng mit dem großen Krieg verknüpft. Geplant wurde sie noch im friedlichen 19. Jahrhundert. Als das Gebirge zum Kriegsschauplatz wurde, trieben die Österreicher den Bau einer Schmalspurbahn zwischen Toblach und dem Stützpunkt Höhlenstein rasch voran. Gleichzeitig errichteten die Italiener von Calalzo aus eine Bahn, um Nachschub in Richtung Cimabanche transportieren zu können.

Mit dem Friedensvertrag von Saint Germain fielen Südtirol und die Dolomitenbahn an Italien. 1921 nahm man den Personenverkehr auf. Weil die Zahl der Fahrgäste nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch stetig zurückging, wurde die Strecke in den 1960er Jahren aufgegeben. Doch dann erkannte man das touristische Potenzial der allmählich verfallenden Bahntrasse. Heute erobern hier ganze Heerscharen von Radfahrern auf unkriegerische Weise die Dolomiten, in Fachkreisen gilt die Route längst als eine der schönsten ihrer Art.

Inzwischen nähern wir uns der Passhöhe. Es herrscht Gegenwind, wir kommen immer mühsamer voran - wobei Hubi auffällig oft beteuert, wie gut ich "bei Rad" sei. In Ospitale gönnen wir uns eine richtige Pause, das Schlimmste haben wir ja nun überstanden. Vor dem ehemaligen Hospiz Ospitale informiert eine Schautafel über die geschichtliche Bedeutung des Cimabanchepasses. Bereits im frühen Mittelalter war der Cimabanche einer der wichtigsten Übergänge über die Alpen. Rompilger, Kreuzritter und Kaufleute nahmen den Weg über den 1550 Meter hohen Pass. Seit dem 13. Jahrhundert duckt sich eine niedere Kirche am steilen Hang, sie ist dem Heiligen Nikolaus geweiht, dem Schutzpatron der Reisenden.