Tuomo Hatakka wehrt sich mit ganzer Kraft. "Zu keinem Zeitpunkt haben wir Informationen zurückgehalten", sagt der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Europe mit fester Stimme. In Berlin hat der Energiekonzern in seine Zentrale eingeladen, um einen Zwischenbericht zu der jüngsten Pannenserie in seinem Kernkraftwerk Krümmel zu geben.

Gleich auf zwei DIN A4-Seiten haben Hatakkas Presseleute einen Zeitstrahl zur Informationspolitik nach dem Störfall in Krümmel am vergangenen Samstag vorbereitet: "12:02 Uhr Reaktorschnellabschaltung. 14:27 Pressemitteilung Vattenfall, 20:01 Einladung zur Pressekonferenz." Auf keinen Fall will der schwedische Energiekonzern den Eindruck stehen lassen, Details zum Vorfall zurückzuhalten. "Im Gegensatz zu dem Vorfall 2007 hat diesmal unsere Kommunikation funktioniert", betont Hatakka.

Kerzengrade sitzt Ernst Michael Züfle, der Chef der Nuklearsparte, neben Hattaka. Gleich mehrmals versichert der schmale Mann, wie sehr er den Vorfall vom vergangenen Wochenende bedauere. Die Situation erinnert sehr an den Juli 2007, als Vattenfall einen Trafo-Brand in Krümmel und einen Vorfall im AKW Brunsbüttel erklären musste. Schon damals beteuerte der Konzern, jeden Zwischenfall in seinen Atommeilern in Deutschland künftig umgehend zu veröffentlichen.

Am kommenden Samstag will Züfle nun die Einwohner Geesthachts, dem Kraftwerksstandort an der Unterelbe in der Nähe von Hamburg, zu einer Informationsveranstaltung ins Kraftwerk einladen. "Mir ist es wichtig, den Geesthachtern in die Augen zu schauen", sagt Züfle.

Die wohl wichtigste Information, die Vattenfall an diesem Donnerstag bekannt gab, war, dass es in Krümmel neben dem neuerlichen Kurzschluss in einem Transformator, der zur Notabschaltung führte, auch Schäden an einem oder mehreren Brennstäben gibt. Dies hatte der Konzern bereits am Wochenende in einer Pressemitteilung angedeutet. Die Manager nannten nun Details. Offenbar seien "einige wenige" der rund 80.000 Brennelemente im Reaktordruckbehälter beschädigt. Dadurch sei die Radioaktivität des Reaktorwassers angestiegen.

An diesem Freitag will Vattenfall den Druckbehälter öffnen und nach den schadhaften Brennelementen suchen. Der Schaden stehe aber in keinem Zusammenhang mit der Schnellabschaltung, und er sei auch vor dem Wiederanfahren vor zwei Wochen noch nicht bekannt gewesen. Was allerdings Zweifel daran weckt, ob Vattenfall nach dem Trafo-Brand 2007 den Reaktor in den zwei Jahren des Stillstands tatsächlich so gründlich untersucht und überholt hat, wie behauptet.

"Ein Brennelementeschaden ist kein Einzelfall", sagt dazu Stephan Kurth, AKW-Experte des Freiburger Öko-Instituts. Eine Anlage werde deswegen nicht sofort heruntergefahren, entscheidend sei die Höhe der freigesetzten Radioaktivität.

Andere entscheidende Fragen konnten Hatakka und Züfle nicht beantworten. Auch die verteilte, nur eine Seite lange Analyse, etwas übertrieben als Zwischenbericht tituliert, konnte wenig aufklären. Da ist etwa die unterlassene Messung an dem Transformator, in dem der Kurzschluss am Samstag auftrat. Die Messung war eine Vorgabe der Aufsichtsbehörde in Kiel, auch auf Empfehlung des TÜVs, nach dem Vorfall vor zwei Jahren. Schließlich handelt es sich bei dem Trafo um ein mehr als zwanzig Jahre altes Gerät. Den TÜV-Gutachtern war deshalb klar, dass man ihn daher beim Anfahren besonders gut beobachten sollte.

Doch ein dafür nötiges Gerät installierte Vattenfall nicht. Warum nicht? Darauf hatte Züfle keine Antwort. Die Kosten seien nicht der Grund gewesen, das Gerät koste maximal 10.000 Euro. "Die Klärung ist am Laufen", sagte er lediglich. Hätte die versäumte Messung Hinweise auf einen drohenden Kurzschluss geben können? Wäre er vermeidbar gewesen? "Das weiß ich noch nicht genau."

Die Vattenfall-Manager hoben erneut hervor, dass der Transformator nichts mit dem atomaren Bereich zu tun habe. Tatsächlich sorgt er nur dafür, dass der in dem Reaktor erzeugte Strom ins Netz eingespeist werden kann. Doch wenn es in einem Trafo ein ernsthafter Schaden auftritt, löst dies – wie am Samstag – automatisch eine Schnellabschaltung aus. Eine Belastung für den Atommeiler, zumal für einen 26 Jahre alten  wie in Krümmel.

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"Eine Schnellabschaltung ist weitaus belastender für die Anlage als das geordnete Herunterfahren über mehrere Tage", sagt der AKW-Experte Kurth. Der extreme Druckabfall beanspruche schließlich die Armaturen im Reaktordruckbehälter außergewöhnlich stark. Und macht sie somit langfristig anfälliger.

Der zweiseitige Zwischenbericht "Informationsablauf" brachte ebenfalls wenig Neues. Vattenfall steht am Pranger, weil nicht das Unternehmen, sondern die Polizei die Kieler Aufsichtsbehörde zuerst über den Vorfall informiert hatte. Warum der verantwortliche Bereitschaftsleiter zu Hause war und erst nach einer halben Stunde auf der Kraftwerkswarte eintraf, blieb unklar. Die Vorschriften sehen vor, dass der Bereitschaftsleiter die Behörden über einen Vorfall informieren muss. Er wollte sich aber offenbar erst selbst ein Bild von der Lage machen, bevor er das für die Atomaufsicht zuständige Sozialministerium in Kiel informierte. "Wir sehen sehr wohl Verbesserungsbedarf bezüglich des (...) Informationsflusses in die Vattenfall-Organisation und zu externen Stellen", räumt Vattenfall in dem Zwischenbericht ein.

Immer wieder beteuern Hatakka und Züfle, dass sie den Vorfall bedauern. Ob sie denn über das Abschalten von Krümmel als eine mögliche Konsequenz nachdenken, werden sie gefragt. Hatakka hebt die Stimme: "Wir betreiben seit Jahrzehnten Nuklearanlagen", sagt er. "Wir haben keinen Grund, unsere Kompetenz infrage zu stellen."

Das sieht das Kieler Sozialministerium offenbar anders. Es will Vattenfall erneut auf seine Zuverlässigkeit als AKW-Betreiber prüfen. Auch die schwedischen Behörden erhöhen den Druck und verlangen wegen neuer Vorfälle im AKW Ringhals einen Sonderbericht von Vattenfall. Selbst der konzerneigene Sicherheitsberater Hans Blix, ehemaliger Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, rüffelt am Donnerstag Vattenfall wegen der Pannen in Krümmel. "Natürlich ist es nicht akzeptabel, dass die Behörden nicht sofort unterrichtet wurden."