"Wo geht der Mann bloß ins Fitnessstudio?", fragt ein angegrauter Hippie im Publikum. Da tobt "der Mann" seit rund 45 Minuten über die Bühne des Herzberg-Festivals und sieht nicht aus, als wolle er so bald aufhören. "Der Mann" ist 68 Jahre alt, trägt die weißen Haare stoppelkurz zur Sonnenbrille und heißt Eric Burdon.

Nun sind sie einiges gewohnt bei diesem Festival im Osthessischen, von sich selbst und von ihren Lieblingsmusikern aus Classic, Blues-, Prog-, Space- und sonstigem Rock, aus Folk, Reggae, Ska und ein bisschen Trance. Sie tragen selbst knielange Dreadlocks auf dem Kopf, 16er Muttern in den Ohren oder flächendeckende Tattoos, schnüren den grauen Bart in Zöpfe bis zur Brust und hüpfen über die Wiese wie vom Veitstanz befallen. Ein paar waren sicher schon beim ersten Herzberg-Festival dabei, damals, 1968.

Aber Burdon, das ist eine Kategorie für sich. Der kompakte Kerl singt, knarzt und röhrt sich durch sein gereiftes Repertoire, als gäbe es kein Morgen, und wirkt dabei so frisch, als wäre Gestern noch nicht lange her. Eine junge Streicherin namens Georgia hat er dabei, die der erprobten Band eine frische, folkige Note hinzufügt und auch mal singen darf, auf Griechisch. Sie könnte seine Tochter, ach was, seine Enkelin könnte sie sein.

Zwischen Futterbuden und CD-Verkaufsständen, zwischen Hippie-Nippes und Batik-Workshop und zwischen den Tausenden Zelten und Wohnwagen der Festivalgäste aller, aber echt aller Altersstufen flitzt schon die Urenkelgeneration durch den Matsch. Der gehört zum Herzberg wie der Schlaks mit dem Kinnbart im Batikshirt, der seinen Bauchladen mit Energy-Balls durch die Menge tanzt. Der Morast hält sich aber diesmal in Grenzen. Immer wieder Schauer, manche heftig, nie von Dauer.

Bei Burdon bleibt es trocken. Als er das House of the Rising Sun in New Orleans besingt, geht dunkelrot die Sonne unter über den bewaldeten Hügeln, grobe Richtung Alsfeld. Ein Hauch seiner San Franciscan Nights weht über die Wiese, Räucherstäbchenduft mit einer Spur Dixie-Klo. Love kitzelt er aus tausend Kehlen, als könnte das dieses Jahr endlich wieder was werden mit dem Sommer der Liebe. Und er hat einen Riesenspaß dabei.

Den lässt sich auch das Publikum nicht verderben. Schon gar nicht von den Schauern: Das hier sind keine Karnevalshippies, die hier sind echt. Waschecht. Dem Nass trotzen sie mit dicken Regenplanen und guter Laune, dem Matsch in schweren Stiefeln oder gleich barfuß. Dann kann man so schön schlittern. Alles eine Frage der Einstellung – na ja, ein bisschen wird das Kraut helfen, dessen Rauch so harzig in der Luft hängt.

Zugaben? Für Burdon kein Problem, nach einer Stunde schweißtreibender Bühnentätigkeit, nach Don't let me be misunderstood und Boom Boom und Paint it black. Er kam mit der melancholischen Koketterie When I was young auf die Bühne, darin die sich beim Improvisieren dehnende Zeile "We had John, Paul, George, Paul and Ringo and Jimi and George Brown and Ray Charles" etc. "Ich", singt Eric da, "ich mag auch nicht mehr der Jüngste sein, aber ich bin noch da".