Landung in der Mitte der Straße
von Urs Willmann, Redakteur Wissen, DIE ZEIT

Frau Rietiker trug Stoffpantoffeln mit pelzigem Rand, und sie wohnte in der Mitte unserer Straße. Die Stube der alten Frau war klein. Aber um alle neun Kinder aufzunehmen, die "am Bach" wohnten, war sie groß genug.

Wir trafen uns oft dort. Frau Rietiker besaß in der Straße den einzigen Fernseher. Ich weiß daher genau, wo ich am 20. Juli 1969 war. Wie üblich hatten wir Frau Rietikers Stühle wie im Kino nebeneinander gestellt. Manchmal gab es Apfelsaft, vielleicht auch an jenem Tag. Und die Kleinsten (ich war der Allerkleinste) saßen am Boden und schauten Mondlandung.

Oder war es doch nicht so? Ich könnte darauf wetten, dass ich damals die beim Gehen fast fliegenden Gestalten live am Fernseher beobachtet habe. Mir kommt es, in der Rückschau, so vor, als hätte ich einer brennenden Aktualität beigewohnt. Ganz deutlich sehe ich die Männer in ihren dicken weißen Anzügen im Mondstaub herumspringen.

Doch genaue Recherchen schüren mein Misstrauen. Als die Amerikaner an ihrem 20. Juli 1969 den Mond betraten, war hier längst der 21. Juli. Es war 3.56 Uhr MEZ, zappendustere Nacht. Ich kann nicht glauben, dass meine Eltern den damals knapp fünfjährigen Sohn morgens um vier vor der Glotze von Frau Rietiker sitzen ließen. Um diese Zeit fernsehen durfte ich erst, als Muhammad Ali wieder Weltmeister war.

Da Frau Rietiker längst gestorben ist, kann ich sie nicht fragen, ob wir in ihrer Stube die Mondlandung als Aufzeichnung gesehen haben, im Nachmittagsprogramm. Rationale Überlegungen sprechen dafür. Anders sieht es die Erinnerung, sie besteht auf Liveübertragung: Also bleiben wir dabei. Unmöglich, dass ich so ein Ereignis verschlafen habe.