Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial hat jegliche Arbeit in Tschetschenien eingestellt. Diese Entscheidung sei getroffen worden, weil Leben, Gesundheit und Sicherheit ihrer Angestellten ernsthaft bedroht seien, teilte die Organisation auf ihrer Internet-Seite mit. Zudem sei der Abzug aller Mitarbeiter eine Form des Protestes, um die regionalen und russlandweiten Behörden auf die Lage aufmerksam zu machen. Wie lange das Büro in der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj geschlossen bleiben soll, darüber machte Memorial keine Angaben.

Die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa war vergangenen Mittwoch von Unbekannten in Tschetschenien entführt und später in der Nachbarrepublik Inguschetien erschossen aufgefunden worden. Estemirowa, die für Memorial in Tschetschenien arbeitete, hatte für die russische Organisation Verbrechen an der Zivilbevölkerung dokumentiert

Der Mord an der Tschetschenien-Kritikerin hatte weit über die Grenzen Russlands Bestürzung ausgelöst. Die Ermittler haben nach eigenen Angaben trotz mehrerer Zeugenaussagen noch keine heiße Spur vom Täter. Der Memorial-Vorsitzende Oleg Orlow hatte in einer ersten Reaktion den moskautreuen Präsidenten Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow, oder dessen Umfeld für die Tat verantwortlich gemacht. Kadyrow wies jede Schuld von sich. Nach Angaben eines Anwaltes will er Orlow wegen Verleumdung verklagen, wie die Agentur Interfax meldete.

Memorial ist eine der ältesten und bekanntesten Nichtregierungsorganisationen in Russland. Die Organisation Memorial hatte 2004 den Alternativen Nobelpreis verliehen bekommen. Die Mitarbeiter der Stiftung bemühen sich um eine Aufarbeitung des Stalinismus und setzen sich in mehreren Ländern für die Einhaltung der Menschenrechte ein.