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Dass mit ihm etwas nicht zu stimmen schien, merkte Jakob, als ihm seine Handballkollegen über den Kopf wuchsen. Sie waren auf einmal deutlich größer und stärker als er. "Durch meine gute Technik konnte ich das bisher gut vertuschen", sagt der 16-jährige Gymnasiast. Irgendwann konnte er aber nicht mehr verleugnen, dass sich alle seine Altersgenossen veränderten – nur er selbst nicht.

Jakob, der nicht mit richtigem Namen genannt werden möchte, ist betroffen von dem Phänomen der Pubertas tarda, einer zu spät einsetzenden Pubertät. Davon spricht man, wenn ein Junge bis zum 15. Lebensjahr und ein Mädchen bis zum 14. Lebensjahr noch nicht mit der Geschlechtsentwicklung begonnen hat. Die Prozentzahl der Betroffenen in Deutschland liegt nach Schätzungen von Experten im einstelligen Bereich.

In Einzelfällen könne man bei den betroffenen Jugendlichen die Pubertät künstlich einleiten, sagt der Kinder-Hormonspezialist Klaus-Peter Liesenkötter vom Endokrinologikum in Berlin, der auch Jakob behandelt hat. Wenn zum Beispiel medizinisch festgestellt wird, dass die Pubertät nicht von selbst einsetzt. Aber auch, wenn die psychische Belastung für die Teenager, die äußerlich keine sind, übermächtig wird. "Gerade Jungen stehen unter einem riesigen Leistungsdruck, wenn sie merken, dass ihre Kumpels an ihnen vorbeigezogen sind", sagt der Fachmann für Kinder-Hormonbehandlung. "Nicht selten sitzen Jungen vor mir, denen die Tränen nur so übers Gesicht laufen."

In einer Gesellschaft, in der schon Zwölfjährige häufig wie Teenager aussehen, werde der Leidensdruck von spät Pubertierenden immer größer. "Früher war man eben ein Spätzünder", sagt Liesenkötter. Auch der mediale Einfluss sei früher nicht so beherrschend gewesen. Nacktheit ist mittlerweile überall zu sehen. "Dazu wird das Schönheitsideal eines großen und breitschultrigen Mannes vermittelt." Gerade Jungen setze das enorm unter Druck.

Soll man sich diesem Druck einfach beugen? Und den Heranwachsenden nicht die Zeit geben, die ihr Körper benötigt?

"Dieses Verfahren ist weit entfernt von einer Lifestyle-Medikamentation", sagt Heiko Krude, Professor für Pädiatrische Endokrinologie an der Universitätsklinik Charité in Berlin. "Ein Jugendlicher wird erst behandelt, wenn nach eingehender Diagnostik feststeht, dass er nicht von alleine in die Pubertät kommen würde."  Es gebe allerdings auch immer wieder Fälle, in denen Jugendliche an keiner nachweisbaren Störung oder Erkrankung litten, aber trotzdem nicht von alleine in die Pubertät kämen. In diesen Fällen warte man dann häufig noch ab und "schaut, ob der Körper es von alleine schafft."

Auch bei Jakob wurde zunächst ein Test vorgenommen, bei dem er ein Ausschüttungshormon gespritzt bekam, das die Hirnanhangsdrüse zur Produktion der Hormone von LH und FSH anregt. Erst durch diese beiden Botenstoffe werden bei Jungen die Hoden dazu angeregt, Testosteron und Samenzellen zu bilden, bei Mädchen die Eierstöcke dazu, Östrogene auszuschütten und Eier zu produzieren.

"Wenn diese beiden Hormone nach 30 Minuten ausreichend im Blut ansteigen, weiß man, dass der Jugendliche grundsätzlich gesund ist, aber der Impuls des Körpers noch fehlt, diese Hormone auszuschütten", erklärt Liesenkötter. Genau das war bei Jakob der Fall. Auch die Röntgenbilder seiner Knochen bestätigten den Befund. Von seiner physischen Entwicklung her war Jakob erst 13 Jahre alt.

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Dem 16-Jährigen wurde anschließend innerhalb von drei Monaten drei Mal Testosteron gespritzt. "Häufig reicht so ein Priming aus und die Jungs entwickeln sich ganz normal", erklärt Liesenkötter.

Was aber bedeutet es für die Psyche eines jungen Menschen, wenn er auf einmal die Pubertät im Zeitraffer erlebt?

Bei der richtigen Dosierung der Hormone erlebe der Jugendliche keinen unnatürlichen "Pubertätsschub", den er psychisch vielleicht nicht verkrafte, sagt Krude. "Wir behandeln die Jugendlichen nicht mit unnatürlichen Substanzen, sondern nur mit den Hormonen, die der Körper auch von alleine produzieren kann." Als Nebenwirkungen nennt er die typischen Begleiterscheinungen der Pubertät wie etwa Akne.

"Probleme gibt es eher, wenn die Pubertät auch nach der Behandlung zu langsam einsetzt", sagt Kinder- und Jugendpsychotherapeut Ralf Thalemann vom Sozialpädiatrischen Zentrum Berlin. Er betreue oft Jugendliche, die nach der Behandlung zwar in die Pubertät kommen, aber dann eben schon 18 oder 20 Jahre alt sind. "Das ist für sie eine sehr lange und seelisch belastende Zeit", sagt Thalemann.

Fragt man Jakob, wie sich sein Leben seit der Behandlung geändert hat, gibt er sich ganz pragmatisch. Vier Zentimeter sei er bisher gewachsen. Davon abgesehen habe sich nicht viel verändert in seinem Leben. Mädchen seien ihm zwar "nicht egal", sagt er. Aber es gäbe momentan Wichtigeres in seinem Leben. Handball, zum Beispiel. "Und wenn von anderen der Spruch kommt, ob ich nicht mal schneller wachsen will, sag’ ich einfach, dass ich jetzt erst anfange."