Mit eigenen Füßen auf einem anderen Planeten stehen, wie mag sich das anfühlen? Das hat sich Thomas Reiter gefragt, als er mitten in der Nacht in Südhessen vor dem Fernseher saß. Vor ihm spazierten die beiden amerikanischen Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin gerade über den Mond. Elf Jahre alt war Reiter damals, "das ist das Alter, in dem Träume entstehen", sagt er.

In dieser Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969 war Reiter zu seinen Nachbarn gegangen, die hatten den besseren Fernseher. Eine gute Sicht war Reiter wichtig, weil Bilder kommen sollten, die die Welt noch nicht gesehen hatte. 600 Millionen Menschen sahen sich an, wie erst Armstrong, dann Aldrin den Mond betraten, auf ihm herumhüpften, die amerikanische Flagge aufstellten.

Die ersten beiden Menschen auf einem anderen Himmelskörper. Als "fein wie Puder" beschrieb Armstrong die Mondoberfläche. Sein berühmter Satz – ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit – ging in der deutschen Fernsehübertragung unter.

Seitdem sind auf den Tag genau 40 Jahre vergangen, und Thomas Reiter ist seinem Traum immerhin 400 Kilometer näher gekommen. Aus seiner Neugier ist ein Beruf geworden, erst Pilot bei der Luftwaffe, Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, dann Astronaut. Zwei Mal durfte er in den Weltraum fliegen, keiner aus dem europäischen Astronautenteam war so lange oben wie er, 350 Tage kreiste er insgesamt mit den Raumstationen MIR und ISS um die Erde. "Auch von da oben haben wir sehnsüchtig zum Mond geschaut", sagt er.

Diese Sehnsucht ist Reiter, inzwischen 51 mit immer noch sportlicher Figur, allenfalls auf den zweiten Blick anzumerken. Nicht alles im Weltraum kann er in Worte fassen, nicht im persönlichen Gespräch und nicht vor Publikum beim Vortrag in Berlin. Da lässt er kurze Filme sprechen, die zeigen, wie er durch die röhrenhaften Gänge der Raumstation gleitet wie ein Delphin, oder wie er mitten im Weltall schwebt, umgeben von tiefem Schwarz, "man ist da ein kleines individuelles Raumschiff".

Doch wie es sich anfühlt, auf einem anderen Himmelskörper zu stehen, darauf hat Reiter noch keine Antwort gefunden. Denn die Raumfahrt befand sich in seiner Zeit als Astronaut einfach nicht in der Mondphase. Die Amerikaner hatten der Welt 1969 gezeigt, dass sie Menschen zum Mond befördern können, mehr als 360.000 Kilometer weit, sechs Mal landeten sie dort mit ihren Missionen, die letzte, Apollo 17, verließ am 14. Dezember 1972 den Mond. Seitdem hat ihn kein Mensch mehr betreten.

Die Russen wollten nicht zweiter Sieger sein und verzichteten auf eigene Flüge, anschließend war auf der Welt anderes wichtiger, die Arbeitslosigkeit stieg, der Kalte Krieg ging zu Ende, das menschliche Erbgut war zu entschlüsseln. Da ist der Mond weit weg.

Reiter aber hat ihn nicht aus den Augen verloren. "Realistisch gesehen bin ich zwar noch nicht zu alt, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ich noch nach oben fliege", sagt er. Dafür hat er jetzt eine andere Mission: Er wirbt dafür, dass eine Mondreise machbar ist. Nicht nur für Amerikaner, Russen, Chinesen und Japaner, die schon an Programmen arbeiten, sondern auch für Europäer. "Ich bin fest überzeugt, Europa kann das, wenn selbst Indien auf dem Weg ist, ein bemanntes System zu entwickeln."

Zurück zum Mond, und die Menschheit wäre um unglaubliches Wissen reicher, da ist sich Reiter sicher: Der Mond sei wie ein Geschichtsbuch unseres Sonnensystems. Während auf der Erde Wasser alles verändert hat, ist die Entwicklung auf dem Mond konserviert, die ältesten gefundenen Steine sind mehr als vier Milliarden Jahre alt. Wenn irgendwo Antworten zu finden sind, etwa, warum es auf der Erde Leben gibt, dann auf dem Mond, glaubt Reiter.

Das andere Ziel ist: den Mond erfahrbar zu machen, für möglichst viele Menschen, und eine permanent besetzte Mondstation aufzubauen. Wenn er schon nicht selbst zum Mond fliegen kann, dann soll es ein anderer Europäer können, auch dafür arbeitet Reiter jetzt im Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Eine neue Gruppe von sechs europäischen Astronauten ist gerade ausgesucht worden, wohl jeder von ihnen wird auch zur Raumstation ISS ins All fliegen.

Ein Deutscher ist darunter, Alexander Gerst, 33, Vulkanologe. Vielleicht wird er der erste Europäer auf dem Mond, "möglicherweise 2019 – 50 Jahre nach der ersten Mondlandung", das hält Reiter für realistisch. Im September werden sie mit ihrem Training im Europäischen Astronautenzentrum in Köln beginnen, der Weltraum wartet schon auf sie.

Er liegt ruhig und hellblau hinter einer Glasscheibe, dieser Weltraum. Fast lässt sich sein Ende mit bloßem Auge erkennen. Weil sich beinahe alles, was es im Orbit gibt, im Gebäude des Astronautenzentrums in Köln finden lässt, Nachbildungen von Raumkapseln und Forschungslaboren mit jedem Schaltknopf zum Üben, muss es eben auch einen kleinen Weltraum geben, selbst wenn es nur ein zehn Meter tiefes Tauchbecken ist. An der Scheibe steht Hans Bolender, der Cheftrainer der Astronauten. "Das ist die billigste und beste Methode, sich auf Außenbordeinsätze vorzubereiten", sagt er. Die Königsdisziplin der Raumfahrt, der Weltraumspaziergang, wird hier im Becken geprobt.

Es steigen gerade keine Luftblasen auf, die Attrappe einer Raumkapsel steht am Beckenrand. Die acht Mitglieder des europäischen Astronautencorps trainieren gerade anderswo auf der Welt, weil Raumfahrt ein globales Unternehmen ist und sie alle Labore und Systeme der internationalen Raumstation bedienen können müssen, die amerikanischen, russischen, japanischen, europäischen.

Als die amerikanische Raumfahrtagentur Nasa in den 60er Jahren Personal für ihre Missionen suchte, sagte ein General: Wir brauchen dafür nur den ganz gewöhnlichen Übermenschen. Seitdem sind die Anforderungen noch einmal gestiegen. Dennoch bewarben sich im vergangenen Jahr 10.000 Kandidaten bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Flugmedizinisches Tauglichkeitszeugnis, drei Jahre Erfahrung in einem technischen oder wissenschaftlichen Beruf, am besten international – das sind die Mindestanforderungen, um Astronaut zu werden.