Gut drei Wochen lang hatte sich Irans Opposition nicht mehr auf den Straßen Teherans versammelt, jetzt sind die Massenproteste wieder voll im Gange. Anlass ist das Freitagsgebet, bei dem der frühere iranische Präsident und Geistliche Akbar Hashemi Rafsandschani sprach. Hunderttausende Oppositionsanhänger strömten trotz eines Verbots in der iranischen Hauptstadt zum Gelände der Universität Teheran, wo der frühere Präsident das Gebet hielt.

Im Umkreis von drei Kilometern war das Areal mit Menschen gefüllt, schilderten Augenzeugen. Ein Großaufgebot von Polizei und Freiwilligen-Milizen riegelte das Gebiet ab. Zehntausende Anhänger des unterlegenen Reformkandidaten Mir Hussein Mussawi demonstrierten Augenzeugenberichten zufolge und zeigten ihren massiven Unmut.

Die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken gegen Demonstranten vor und setzte laut Augenzeugen massiv Tränengas ein. In einzelnen Berichten war sogar von Straßenkämpfen nahe der Universität die Rede. Bei den Kundgebungen weiter entfernt von der Universität griff die Polizei demnach nicht ein. Laut Augenzeugenberichten wurden mindestens 15 Menschen verhaftet. Verlässliche Zahlen unabhängiger Beobachter gab es zunächst nicht.

Im Juni hatten Oppositionelle fast täglich gegen den Ausgang der ihrer Meinung nach gefälschten Wahl protestiert. Dutzende Menschen starben bei Auseinandersetzungen.

Aus dem Demonstrationszug am Freitag schafften es aber nur einige Tausend, den Eingang zur Universität tatsächlich zu erreichen und zu passieren. Die Menschen versammelten sich auch vor der Hochschule und trugen die Oppositionsfarbe grün – als Zeichen ihres Protestes gegen den Ausgang der Präsidentschaftswahl. "Allahu Akbar"-Rufe ("Gott ist groß") waren zu hören. Der religiöse Gruß hatte sich den vergangenen Wochen zum Schlachtruf der Opposition gewandelt. Zahlreiche Demonstranten skandierten gegen Präsident Mahmud Ahmadineschad: "Tod dem Diktator!" oder "Ahmadineschad, tritt zurück!"

Rafsandschani begann seine Predigt, die im staatlichen Fernsehen nicht übertragen wurde, mit einem Aufruf, die friedliche Atmosphäre des Freitagsgebets nicht durch politische Slogans zu stören. "Lasst uns die Gelegenheit nutzen, eine bessere Zukunft für unser Land zu schaffen, und die Probleme zu lösen." Zugleich warf er der iranischen Führung vor, nicht genügend Toleranz gegenüber dem eigenen Volk zu haben.

Festgenommene Oppositionelle sollten freigelassen werden. Als erster ranghoher Vertreter der politischen Führung sprach er von einer politischen Krise, die Iran erfasst habe. "Wir sind alle Mitglieder einer Familie. Ich hoffe mit dieser Predigt, dass wir diese schwere Phase hinter uns bringen, die durchaus als Krise bezeichnet werden kann". In den vergangenen Wochen kamen bei den Freitagsgebeten überwiegend Hardliner zu Wort, die dazu aufriefen, sich dem geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei anzuschließen und den Sieg Ahmadineschads anzuerkennen.