Fünf Wochen nach dem umstrittenen Wahlsieg des ultrakonservativen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad am 12. Juni traf der einflussreiche Ajatollah dazu am Sonntag zu Gesprächen über die politische Kontroverse in der nordöstlichen Stadt Maschad ein, wie die Nachrichtenagentur Mehr berichtete. Die Rede Rafsandschanis beim Freitagsgebet in Teheran hat unter der politischen und religiösen Führungselite des Landes einen erbitterten Streit ausgelöst.

Konservative Kreise haben sich zutiefst entrüstet über Rafsandschanis Äußerung gezeigt, wonach der Iran nach der Wahl in einer politischen "Krise" stecke. Er habe das Gebet zur Unterstützung von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi missbraucht. Die Opposition zweifelt die Wahlniederlage Mussawis an und spricht von Fälschung.

Ermutigt durch den Auftritt Rafsandschanis, der für den reformorientierten Herausforderer Ahmadinedschads geworben hatte, waren am Freitag in der Hauptstadt erneut rund hunderttausend Anhänger der Opposition zu neuen Protesten auf die Straße gegangen. Dabei kam es auch wieder zu Zusammenstößen mit der Polizei und Festnahmen. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein.

Konservative Kleriker haben Rafsandschani zudem vorgeworfen, er stelle das gesamte politische System infrage. Ohne die Zustimmung des Volkes könne es keine islamische Regierung geben, hatte er gesagt. Der führende Kleriker Ajatollah Mohammed Yasdi erklärte dazu: "In einem islamischen System erhält die Regierung ihre Legitimität allein durch Gott, nicht durch das Volk", sagte er. Laut der Verfassung, die nach der Islamischen Revolution 1979 eingeführt wurde, sind die islamischen Rechtsgelehrten die Stützpfeiler der Republik: Das religiöse Oberhaupt - derzeit Ajatollah Ali Chamenei - hat auch in allen politischen Fragen das letzte Wort und steht über den gewählten Organen. Chamenei war nach dem Tod von Großajatollah Ruhollah Khomeini 1989 vom Expertenrat, der höchsten politisch-religiösen Instanz, gewählt worden. Nur der Expertenrat, den Rafsandschani seit 2007 leitet, könnte den "Revolutionsführer" auch wieder absetzen. Da Chamenei sich in der Kontroverse um den Wahlausgang hinter Ahmadinedschad gestellt hat und Rafsandschani die Reformer-Bewegung unterstützt, wird nun spekuliert, dass es zwischen den beiden führenden Klerikern zum Machtkampf kommt. Rafsandschani, der mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde Euro als reichster Mann im Iran gilt, hatte am Freitag mit seiner Aufforderung an die Regierung zur Freilassung von Oppositionellen offen Druck auf die Regierung ausgeübt. In den Tagen nach der Wahl am 12. Juni waren in Teheran und anderen Städten bei gewaltsamen Zusammenstößen nach offiziellen Angaben mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Die iranische Rechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi wertet den Aufmarsch der Reformbewegung zum Freitagsgebet in Teheran als "historisches Ereignis nicht nur für den Iran, sondern für die ganze islamische Welt". Ebadi sagte dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, eine Versöhnung zwischen Regime und Bevölkerung sehe sie nur, "wenn die Führung den Willen des Volkes respektiert und nicht weiter mit Gewalt gegen die Reformbewegung vorgeht". Nur wenn die Regierung Vernunft zeige und auf die Menschen zugehe, werde es eine Lösung des Konflikts geben. "Andernfalls habe ich keinen Zweifel daran, dass die Proteste weitergehen."