Neulich abends, als wir auf dem Balkon saßen und den Sommer genossen, erhob sich irgendwo in unserem Innenhof eine Stimme, eine Frauenstimme schrill und kratzig.
"Hey Olli", rief die Stimme. "Ich habe mir ein neues Necessaire gekauft. Rot! Für die Nagelschere von meiner Tante Irmi und die große Pinzette. Ich finde das Rot ganz geil. Voriges Jahr als wir auf Malle in diesem Hotel mit dem Honigquark-Frühstücksbuffet waren..."

Ich stand auf und starrte in den Innenhof, aber ich konnte keine Frau mit einem Mikrofon oder Megafon erkennen, die uns etwas zurief. Ehrlich gesagt, ich konnte niemanden erkennen.
"Das weiße Haus schräg gegenüber, Erdgeschoss, das sperrangelweit offene Fenster hinter dem grünen Gartentisch mit dem nicht abgeräumten Geschirr von vorgestern", sagte meine Liebste lakonisch. "Ich habe sie schon so oft gehört."
"Mit wem streitet sie?", fragte ich.
"Sie streitet nicht", erwiderte meine Liebste. "Sie unterhält sich. Wollen wir nicht lieber reingehen?"
"Warte mal", sagte ich. "Vielleicht hört sie gleich wieder auf. Oder redet leiser..."
Meine Liebste lächelte desillusioniert.

Tatsächlich, im Laufe des Abends steigerte sich die Lautstärke der schrillen Stimme eher noch. Trotz aller Mühen, nicht hinzuhören, erfuhren wir, dass der Urlaub auf Malle scheiße gewesen sei und man unbedingt bald wieder hinfahren müsse. Dass das Verhältnis der zwei Kinder zur Schule ziemlich genauso sei. Und dass es obendrein ein Dilemma um den Kauf einer zwar zu engen, aber dafür fast auf Null Euro reduzierten Hose gebe. Und je länger der Abend dauerte, umso öfter stieß die schrille Stimme ein ebenfalls schrilles, absolut unerträgliches Lachen aus.

"Ich verstehe das nicht", sagte ich zu meiner Liebsten, als wir den Balkon mit verkniffenen Mündern verließen. "Ungefähr 100 Leute haben ihre Fenster zu diesem Innenhof. Warum stört das keinen? Warum hat kein einziger auch nur einmal 'Lassen Sie mich mit Ihrer Hose in Ruhe!' gerufen?"

Als wir am nächsten Abend auf den Balkon traten, war die schrille Stimme schon da. Es ging um die blöden Nudeln, die zu lange im Wasser waren und um die zwei halbwüchsigen Kinder, die zu lange im Hof waren. Was aber kein Grund war, sie persönlich zu holen, wo man doch ohne aufzustehen aus dem offenen Fenster nach ihnen rufen konnte bis sie von alleine müde wurden. Da dies längere Zeit dauerte, gingen wir wieder in unsere Wohnung.

Und hörten trotzdem, dass die Freundin, die vorbeikam, ein Grund war, ein, zwei Prosecchi zu öffnen. Auch als wir sämtliche Fenster geschlossen und den Fernseher angemacht hatten, hörten wir aus dem Innenhof regelmäßiges Korkenknallen, begleitet von immer ungebärdigeren Lachsalven.

"Mach dir keine Sorgen", sagte ich zu meiner Liebsten als wir unsere Ohrenstöpsel anlegten, um schlafen zu können, "morgen ist ein ganz normaler Werktag und auch andere Menschen müssen schlafen. Ich bin sicher, irgendjemand wird etwas unternehmen...."
Niemand unternahm etwas. An diesem Abend nicht, und auch an den folgenden Abenden nicht. Drei Sommerabende verbrachten wir drinnen, bei 30 Grad, geschlossenen Fenstern und laut laufendem Fernseher. Aber nur, wenn in den Werbepausen der Ton des Fernsehers automatisch um drei Dezibel lauter wurde, hörten wir die schrille Stimme nicht mehr.