Jede Generation ist eine Kriegsgeneration – Seite 1

Sharel sitzt im Zug von Tel Aviv Richtung Ashdod. Plötzlich sind sie wieder da. Die Bilder aus seinem Einsatz im Gaza-Krieg. Sharel rennt um sein Leben. Arabische Kämpfer verfolgen ihn. Es gibt kein Entkommen. Die Kämpfer schießen. Sharel wird getroffen. Sein Herz rast, Schweißtropfen bilden sich auf seiner Stirn. Sharel rennt los. Raus hier. Sofort. In letzter Sekunde kann der Schaffner ihn davon abhalten, aus dem fahrenden Zug zu springen. Minuten später wird ihm klar, all das geschah nur in seinem Kopf – er hatte einen Flashback.

Der 21-jährige Sharel war insgesamt acht Monate im Gazastreifen und vom ersten Tag der Operation "Gegossenes Blei" in einer Aufklärungseinheit im Einsatz. "Es war ein Albtraum", sagt er heute. Ein Kamerad stirbt durch eine Mine. Ein guter Freund wird im Gefecht erschossen. Sharel ist immer in nächster Nähe und muss es mit ansehen. Durch Zufall bleibt er fast unverletzt. Äußerlich, denn seine inneren Wunden sind unsichtbar.

Die ersten Symptome eines Traumas bemerkt Sharel Wochen nach seiner Entlassung. "Wenn es still wird, kommen die Erinnerungen und holen dich ein", sagt er. Albträume und Schlaflosigkeit quälen ihn. Der Krieg in seinem Kopf will einfach nicht aufhören. Irgendwann ist der Druck so groß, dass er versucht, sich umzubringen. Erst danach bekommt Sharel Hilfe.

PTBS – also Posttraumatische Belastungsstörungen lautete die Diagnose der Abteilung für Rehabilitierung des israelischen Verteidigungsministeriums. "Zurzeit zählt das israelische Verteidigungsministerium etwa 3000 Soldaten und Reservisten mit PTBS", sagt Miki Doron, Chef-Psychologe des israelischen Verteidigungsministeriums. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Immer noch schämen sich viele traumatisierte Soldaten, Hilfe anzunehmen. Hinzu kommt, dass PTBS auch erst Jahre später ausbrechen kann.

Die Abteilung für Rehabilitierung des Verteidigungsministeriums sorgt für finanzielle Entschädigung und medizinische Versorgung der Kriegsveteranen. Es werden auch Institutionen und Projekte gefördert, die sich um PTBS-Betroffene kümmern. So bekam Sharel auch die Nummer von Yoav Ben David, dem Leiter einer Segelgruppe für Soldaten mit PTBS. Sharel wusste nicht, was ihn erwarten würde.

Er ist heute zum dritten Mal dabei. Am Marina, am Strand von Tel Aviv, treffen sich seit drei Jahren junge Soldaten und Reservisten ein Mal pro Woche zum Segeln. Der Segelclub liegt an der schicken Strandpromenade im Herzen von Tel Aviv. Die jungen Männer unterscheiden sich mit ihren Sonnenbrillen, Shorts und Flipflops nicht von den anderen Strandbesuchern. Der Gründer der Gruppe Yoav Ben David selbst kämpfte im Yom-Kippur-Krieg, geriet in syrische Kriegsgefangenschaft, kehrte nach acht Monaten traumatisiert zurück und suchte nach seiner Befreiung Hilfe – vergeblich. "Niemand wollte uns zuhören. Wir haben die Leute an die Fehler des Krieges erinnert und die meisten wollten eben nicht daran erinnert werden", erzählt er.

Hier am Marina sitzen sie alle im gleichen Boot. Man versteht sich auch ohne große Worte. Yonni (27) und Itamar (23), beide waren im zweiten Libanonkrieg, sind seit der Gründung der Gruppe vor drei Jahren dabei. "Wir brauchen uns nur anzusehen und wir wissen, wie es uns geht", sagt Itamar, dessen Narben an den Beinen von einer Bombenexplosion noch gut zu sehen sind. Es geht fröhlich zu auf den Jollen, es wird gelacht, es wird gesungen, rumgealbert. Ein Segeltörn unter Männern eben. "Wenn ich herkomme, habe ich nicht das Gefühl, zu einer Therapiestunde zu gehen. Ich gehe zu Freunden und wenn ich reden möchte, sind die anderen für mich da", sagt Itamar.

Jede Generation ist eine Kriegsgeneration – Seite 2

Die meisten haben außerhalb dieser Gruppe niemanden, mit dem sie über ihre Erlebnisse reden können. "Viele meiner Freunde wissen nicht, dass ich PTBS habe. Sie würden es nicht verstehen. Aber hier schäme ich mich nicht, über meine Gefühle zu reden oder zu weinen", sagt Sharel und zieht sein Baseballcap noch tiefer ins Gesicht. Es war nicht immer so: "Als die Gruppe zum ersten Mal zusammen kam, saßen wir hier mit Sonnenbrillen, die Arme vor uns verschränkt und wir sprachen kein Wort", erzählt Yonni, dessen Oberkörper eine lange Narbe durchzieht.

PTBS gilt als Schwäche in der israelischen Gesellschaft. Obwohl die meisten der Väter die Kriegserfahrung mit ihren Söhnen teilen, wird in den wenigsten Familien darüber geredet. Auch in der Armee wurde PTBS lange verschwiegen. "Sie bereiten einen nicht darauf vor. Das ist das Problem", sagt Sharel.

Aber woher kommt dieses Schweigen? Gerade in einer Gesellschaft, die aus der Schoah und einem Krieg hervorging?

Die Großväter und Väter hatten noch die Hoffnung, sie zögen in den letzten Krieg für Israel. Sie waren sich sicher, ihren Söhnen bliebe diese Erfahrung erspart. Der Glauben an den Frieden gab ihnen auch eine Rechtfertigung für den Krieg und sie wurden als Helden verehrt nach der Rückkehr.

Es sei einfach eine andere Kultur gewesen, sagt Judith Yovel Recanati von Natal, einem Traumazentrum für Krieg- und Terroropfer in Tel Aviv. "Gerade in den Gründungsjahren Israels gab es keine Zeit für individuelle Gefühle. Gefragt war der "neue Israeli", der stark war, sich verteidigen konnte und kein Opfer mehr war. Eben kein Jude mehr aus der Diaspora". Das hat zu einem Männerbild in der israelischen Gesellschaft beigetragen, die sich machohaft und martialisch gibt. Schwächen und Ängste passen nicht in dieses Bild.

So dauerte es auch viele Jahre, bis die Überlebenden des Holocaust begannen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. "Und wie sich das Trauma der Schoah auf die zweite und dritte Generation übertragen kann, ist es auch mit dem Kriegstrauma. Das unausgesprochene Leid wird weitergegeben und die Kinder der Betroffenen entwickeln ähnliche Symptome", sagt Recanati. Die Zeichen einer traumatisierten Gesellschaft erkenne man auch im Alltag: "Wir haben aggressives Verhalten im Straßenverkehr, viele Autounfälle und die Zahlen der Alkohol- und Drogenabhängigen steigen."

Viele Israelis fühlen sich außerdem in ihrem Alltag ständig bedroht. All die Kriege haben das nicht geändert. "Die Leute haben das Gefühl, es sei noch nicht vorbei und so können auch die Traumatisierten nicht mit dem Erlebten abschließen", ergänzt Recanati. Die Zeit der klaren Sieger und Helden ist dadurch auch vorbei. Und so wächst die Kritik an den Kriegen und die Unterstützung innerhalb der Gesellschaft lässt nach.

Jede Generation ist eine Kriegsgeneration – Seite 3

Die Soldaten fühlen sich deshalb betrogen und unverstanden - von der Politik, ihren Familien und der Gesellschaft. Denn sie haben ihr Leben für das Land riskiert und die Gesellschaft reagiert mit Kritik und Desinteresse. "Manchmal denke ich, wäre es der Gesellschaft lieber, wir wären gestorben und kämen nicht mit unseren Problemen aus dem Krieg zurück", sagt Yonni.

"Das Bild des heutigen Helden muss sich ändern", sagt Yoav Ben David. Es muss deutlich werden, dass es keine Schwäche ist, über das Trauma zu reden. "Helden sind nicht diejenigen, die mit einer Waffe Menschen umbringen. Wahre Stärke ist es, das Trauma zu überwinden und sich ins Leben zurückzukämpfen."

Auch Sharel hat sich entschlossen, sich ein neues Leben zu erkämpfen. "Das erste Jahr mit PTBS soll das härteste sein. Dann wird es besser, sagen die Jungs und das Segeln gibt mir Kraft weiter zu machen", erklärt er. Dann muss er los. Die anderen Jungs warten bereits im Auto, sie wollen ihn mitnehmen. Denn dieses Mal will er nicht den Zug nehmen.