Nach dem Aus für die Große Koalition in Kiel brachten sich die gegensätzlichen Lager am Freitag im Landesparlament in Position. In der Debatte über die von CDU und den drei Oppositionsfraktionen beantragte vorzeitige Auflösung des Landtages bekräftigte SPD-Fraktionschef Ralf Stegner, dass die sozialdemokratischen Abgeordneten dem Antrag am Montag geschlossen nicht zustimmen werden. Damit würde die notwendige Zweidrittel-Mehrheit fehlen. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) könnte dann die angestrebte Neuwahl nur über eine – gezielt verlorene – Vertrauensfrage erreichen, auf die sich offenbar auch die SPD einstellt.

Dass der Regierungschef vorher die vier sozialdemokratischen Minister entlässt, gilt in Kiel als relativ unwahrscheinlich. Denn Carstensen hat stets die vertrauensvolle Arbeit mit ihnen gelobt. Dass er die Regierungskoalition mit der SPD unbedingt beenden will, lastet er allein deren Landesvorsitzenden Ralf Stegner an, seinem erbitterten Widersacher. Mit seinen ständigen Querschüssen mache er eine vertrauensvolle Zusammenarbeit unmöglich, sagte Carstensen wiederholt.

In die Aussprache im Landtag griff der Ministerpräsident selbst nicht ein. Dies hat er sich erst für Montag vorgenommen, wenn über die Landtagsauflösung abgestimmt werden soll. Mit stoischem Blick lauschte er der Kritik von Stegner und des Fraktionschefs der Grünen, Karl-Martin Hentschel. Dieser bezichtigte den Ministerpräsidenten und CDU-Landeschef, seit geraumer Zeit aus taktischen Gründen eine vorgezogene Neuwahl am 27. September zusammen mit der Bundestagswahl geplant zu haben, um die eigenen Chancen zu erhöhen.
Ein etwas paradoxes Argument, da die Grünen den Antrag ja unterstützen.

Hentschel verwies jedoch darauf, dass CDU und SPD am Mittwoch sogar noch einmütig den Nachtragshaushalt verabschiedet hätten. Die Begründung eines inhaltlichen Zerwürfnisses sei daher eher unglaubwürdig.

Für die CDU begründete der Fraktionsvorsitzende Johann Wadephul den Bruch der Koalition mit der Unzuverlässigkeit der SPD. Er appellierte eindringlich an die SPD-Abgeordneten, am Montag der Landtagsauflösung zuzustimmen und sich nicht von ihrem Fraktionschef Stegner in "Geiselhaft nehmen" zu lassen.

Obwohl über den Antrag gemäß der Geschäftsordnung offen abgestimmt werden muss, hofft die Union, dass unter den Sozialdemokraten einige sich Stegners striktem Nein widersetzen werden. Mindestens sechs müssten es sein, damit der Antrag Erfolg hat.

Dass sich alle Protagonisten in Kiel bewusst sind, dass sie praktisch ab sofort im Wahlkampf stehen, zeigt der zum Teil scharfe Ton der Debatte. So bezeichnete FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki, der nach der Neuwahl mit der CDU regieren möchte, Stegner als "selbstgefälligen Naseweis".