Fast drei Wochen liegt der Tod von Marwa Al-Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal jetzt zurück; die offiziellen deutschen Reaktionen auf die Tat eines Russlanddeutschen, der die 31-jährige Apothekerin aus Ägypten mit 18 Stichen tötete und auch ihren Mann lebensgefährlich verletzte, blieben zunächst aus und waren dann spärlich.

Ganz anders in Ägypten: Dort folgten Tausende ihrem Sarg, es wurden Drohungen gegen Deutschland ausgestoßen, trotz aller zurückhaltenden Kommentare regierungsoffizieller ägyptischer Stellen. Die Proteste sind seither nicht abgerissen, und sie sind nicht auf Ägypten begrenzt. Am Freitag etwa gab es eine Demonstration vor dem deutschen Konsulat in Istanbul.

Könnte der Fall die Dimension des Karikaturenstreits von 2005/2006 annehmen, der das Klima zwischen dem Westen und der islamischen Welt vergiftete?

Der Duisburger Kommunikationswissenschaftler Werner Köster hat über den Karikaturenstreit gearbeitet. Es sei schwierig einzuschätzen, ob auch der Fall Marwa eine "kommunikative Eskalation" bekommen werde wie damals die Erregung in der arabischen und muslimischen Welt über die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten".

Oft seien die arabischen Reaktionen auch "uninformiert", es gebe kein Verständnis für die Marktmechanismen, die eine Nachricht wie den Tod Marwa Al-Sherbinis so kurzlebig machten – soweit die Proteste nicht von oben gesteuert seien wie im Iran, wo vergangene Woche 1500 Frauen gegen Deutschland demonstrierten.

Siegfried Jäger, Leiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung, hat seinerzeit die deutschen Presseberichte über den Karikaturenstreit analysiert. Dabei habe er in Medien "von rechts über die Mitte bis nach links" Unverständnis für die arabisch-muslimischen Reaktionen feststellen müssen.

Das Muster sei über die Lagergrenzen hinweg stets gewesen, den Wert der Pressefreiheit gegen die Würde des Andenkens des Propheten Mohammed zu stellen. "Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet." "Von einem Clash of civilizations zu reden ist barer Unsinn", sagt Jäger. "Aber es gibt Unterschiede zwischen den Kulturen, auf die es Rücksicht zu nehmen gilt, sonst schürt man Hass."