Frank McCourt war bis 1996 ein nur seinen Schülern an der New Yorker Stuyvesant High School bekannter Englischlehrer. In dem Jahr veröffentlichte er den autobiografischen Entwicklungsroman Die Asche meiner Mutter. Das Erstlingswerk wurde ein Welterfolg, es trug ihm den Pulitzerpreis, den renommierten National Book Critics Circle Award und den südafrikanischen Boeke Prize ein und machte ihn fast über Nacht zum vielfachen Millionär. Das Buch erzählt eine Geschichte vom Elend der Kriegsjahre und von der provinziellen Enge Limericks im Westen der Republik Irland, wo McCourt aufwuchs, von der beklemmenden Macht der katholischen Kirche – und von unbesiegbarer Lebenslust. Ein sehr irisches Buch eines in vieler Hinsicht typischen Exil-Iren.

McCourt wurde als der Älteste von sieben Geschwistern in New York geboren. Im Jahr 1934 zog die Familie zurück in die Heimat. Der aus Nordirland stammende Vater verfiel zusehends dem Alkohol. Die Mutter rackerte sich ab, den Nachwuchs durchzubringen. Drei Geschwister starben. Der Regen in Limerick, schrieb McCourt, "schuf eine Kakophonie aus trockenem Husten, bronchitischem Rasseln, asthmatischem Keuchfauchen, schwindsüchtigem Krächzen. Nasen verwandelten sich in schleimige Quellen, Lungen in prall mit Bakterien vollgesogene Schwämme." Schlimmer als eine normale unglückliche Kindheit, fuhr er fort, sei "eine unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer die unglückliche irische katholische Kindheit."

Auf dem Einband stand, McCourts Erinnerungen gehörten "zum Schrecklichsten und zugleich Schönsten, was je über Irland und die Besonderheiten der irischen Seele geschrieben worden ist. Und jedes Wort davon ist wahr." Viele Bürger Limericks waren da anderer Meinung. Die Asche meiner Mutter? "Alles erdichtet und erfunden. So wie McCourt Limerick beschreibt, war das auch damals nicht. Aber den Amerikanern gefällt's. Euch Deutschen auch. So wollt ihr uns sehen. Am liebsten noch im Eselskarren", sagte ein Einwohner der Stadt.

Einmal mehr entpuppte sich Literatur als unbeabsichtigte Fremdenverkehrswerbung für Irland, wie zuvor James Joyces Ulysses und Heinrich Bölls Irisches Tagebuch. Bald begann die touristische Vermarktung mit Touren im Doppeldeckerbus an die Schauplätze des Romans, in den "Park mit einer hohen Säule und einer Statue obendrauf", das erste, was der kleine Frank nach seiner Ankunft von der Stadt sah, in die Windmill Street, wo die Familie ihre erste Nacht verbrachte, zum South's Pub in der O'Connor Street, wo der Vater sein Stempelgeld versoff, zur St.-Josephs-Kirche, dem Ort der Erstkommunion, und der Leamy's National School. Um Enttäuschungen vorzubeugen, schränkte die Fremdenverkehrswerbung ein, das in dem Buch beschriebene, elende Gassenleben der dreißiger und vierziger Jahre sei verschwunden, das heutige Limerick sei eine moderne und pulsierende Stadt. Was ebenfalls eine Übertreibung ist.

Deren neu gegründete Universität verlieh McCourt einen Ehrendoktor. 1999 wurde sein Bestseller mit Emily Watson und Robert Carlyle in den Hauptrollen verfilmt. Im selben Jahr erschien McCourts zweiter autobiografischer Roman Ein rundherum tolles Land, das den Faden dort aufnimmt, wo Die Asche meiner Mutter endet. Ein drittes Buch, das seine Karriere als Lehrer zum Thema hat, Tag und Nacht und auch im Sommer, folgte sechs Jahre später. Beide Werke erhielten wohlwollende Kritiken, aber keines erreichte auch nur annähernd den Erfolg des ersten Bandes. Ihnen fehlt die irische Komponente. An ihnen wird deutlich, dass McCourt ein begabter Autor war – aber eben doch nicht einer der großen Literaten der letzten Jahrzehnte. Seine irische Heimat hat ihm freilich viel zu verdanken. McCourt starb in einem New Yorker Hospiz an einem Krebsleiden. Er wurde 78 Jahre alt.