Frage: Herr Schäuble, haben Sie mal mit Claudia Pechstein geredet?

Wolfgang Schäuble: Nein. Ich habe sie zuletzt im Winter bei irgendeinem Eisschnelllauf-Wettkampf gesehen. Seitdem habe ich nicht mit ihr gesprochen. Das wäre auch ganz falsch.

Frage: Warum?

Schäuble: Sie ist Beamtin der Bundespolizei, deshalb halte ich mich als oberster Dienstherr zurück. Die Bundespolizei hat wie in solchen Fällen üblich ein disziplinarrechtliches Verfahren gegen sie eingeleitet; es ruht nun, bis es eine sportgerichtliche Entscheidung gibt. Deshalb lese ich viel über den Fall Pechstein, rede aber nicht mit ihr.

Frage: Nach allem, was sie gelesen haben: Glauben Sie an Claudia Pechsteins Unschuld?

Schäuble: Die Unschuldvermutung gilt auch für Frau Pechstein. Andererseits gelten die sportlichen Regeln, nach denen Frau Pechstein gesperrt ist. Was unabhängig vom Einzelfall mich persönlich als Sportfan betrifft: Ich glaube generell kaum noch jemandem. Ich bin einfach zu oft enttäuscht worden. Ich kenne viele Sportler persönlich und konnte mir bei einigen wirklich nicht vorstellen, dass sie dopen - und hinterher kam etwas anderes heraus.

Frage: Unter welchen Umständen würde Frau Pechstein gekündigt werden?

Schäuble: Sie hat eine Anti-Doping-Klausel in ihrem Arbeitsvertrag unterschreiben, ein Verstoß hätte dienstrechtliche Konsequenzen. Insofern steht für Frau Pechstein eine Menge auf dem Spiel.

Frage: In einem Indizienprozess bleiben aber immer Zweifel.

Schäuble: Das stimmt nicht. Als Jurist habe ich gelernt: Eines der unzuverlässigsten Beweismittel im Strafrecht sind Zeugenaussagen. Auch Geständnisse sind problematisch, weil in der Kriminalgeschichte manche Leute Dinge gestanden haben, die sie gar nicht begangen haben. Ein Indizienbeweis ist hingegen nicht von geringerer Qualität. Am Ende muss jedes Gericht überzeugt werden, auch mittels indirekter Beweise.

Frage: Aber die Indizien in diesem Präzedenzfall sind strittig. Experten streiten darüber, wie Pechsteins auffällige Blutwerte überhaupt zu interpretieren sind.

Schäuble: Über die Zulässigkeit der Beweise müssen die Gerichte entscheiden. Ich bin kein Mediziner. Der Kampf gegen den Betrug im Sport ist ein ständiger Wettlauf - weil es immer neue Hilfsmittel gibt und Möglichkeiten, die Tests zu umgehen. Genau deshalb vergleicht man nun längerfristig die Blutwerte der Athleten. Das ist nur richtig so.

Frage: Steht und fällt mit dem Urteil für Pechstein nicht auch die Dopingbekämpfung anhand von solchen Indizien?

Schäuble: Zumindest steht und fällt der Beweis anhand dieses Blutwertes, dieser, na, wie heißen die?

Frage: Retikoluzyten.

Schäuble: Genau, das Wort kannte ich vor dieser Debatte auch noch nicht. Nun, diese Beweismethode steht zur Prüfung. Der Umstand, dass die Internationale Eislauf-Union Frau Pechstein nahegelegt haben soll, ihre Karriere zu beenden, und für diesen Fall das Verfahren beenden wollte, zeigt auch einen Rest Unsicherheit. Nun aber hat der Verband Frau Pechstein gesperrt. Sie wies ja nicht nur rund um die Mehrkampf-WM in Hamar erhöhte Blutwerte auf, sondern viel öfter.

Frage: Was würden Sie Claudia Pechstein raten?

Schäuble: Ich weiß nicht, ob mein Rat ihr etwas nützen würde: Sie muss jetzt die Indizien und den derzeitigen Anschein widerlegen. Ich nehme an, sie tut alles, um ihre Unschuld zu beweisen. Das muss sie auch.

Frage: Am Ende könnte es passieren, dass eine Unschuldige zu Unrecht verurteilt wird.

Schäuble: Das kommt in der Rechtsgeschichte immer wieder vor, weil Menschen irren - und zwar alle, nicht immer nur die anderen. Ich denke, dass man letztinstanzliche gerichtliche Entscheidungen auch akzeptieren muss. Das schafft Rechtsfrieden. Eine Debatte muss auch ein Ende haben, es muss mal Ruhe sein.

Frage: Das heißt, auch Frau Pechstein sollte ein negatives Urteil akzeptieren?

Schäuble: Frau Pechstein hat sich als Athletin voll der Sportgerichtsbarkeit unterworfen. Die Verantwortung für den Sportgerichtshof ist also ungeheuer hoch. Frau Pechsteins sportliche Karriere befindet sich zwar eher in der Endphase, aber auch ihre großen Erfolge würden im Nachhinein zerstört. Und es geht um mögliche hohe Schadensersatzforderungen.

Frage: Gibt es auch etwas Erfreuliches an dem Fall?

Schäuble: Ja, wir haben keinen Grund mehr zur Überheblichkeit. Wir müssen uns nicht sorgen, dass nur in Deutschland ein möglicher Dopingverdacht verfolgt wird. Nein, weltweit wird der Kampf verschärft. Wir haben keinen Grund mehr dazu, auf andere zu zeigen. Die Christina Obergföll

Frage: … die deutsche Speerwerferin…

Schäuble: …ja, ich mag sie wirklich, auch weil sie aus dem Lahrtal kommt. Aber ich habe mich ein wenig erschrocken, als sie vor einiger Zeit gesagt hat: Man kann nicht 70 Meter Speerwerfen ohne Doping. Damals kam eine Kubanerin so weit. Heute wird Frau Obergföll diese Worte bereuen, denn inzwischen wirft sie selbst so weit.

Frage: Wenn überall der Verdacht mitschwingt: Wie guckt man eigentlich noch Sport? Mit welchem Gefühl werden Sie sich die Leichtathletik-WM in Berlin anschauen?

Schäuble: Ich sehe Leichtathletik gern. Und ich mag den Generalverdacht nicht. War Jesse Owens gedopt, als er über acht Meter weit gesprungen ist? Das war lange ein Fabel-Weltrekord - muss ich den Jahrzehnte später wirklich in Frage stellen? Aber natürlich zweifle ich auch: Sind alle sauber, die da laufen? Nehmen Sie Usain Bolt - der läuft so wunderschön. Ich habe seinen 200-Meter-Lauf bei Olympia in Peking gesehen und gedacht: Vielleicht läuft der ja anders, vielleicht gibt es Menschen mit diesen leichten, großräumigen Schritten.