Bis in die 1980er Jahre war die Welt für die Christdemokraten in Schleswig-Holstein noch in bester Ordnung. Sie regierten in dem ruhigen, armen, aber schönen Land zwischen den Ost- und Nordsee ungefährdet. Die SPD stand weit links und fern der Macht, die CDU war konservativer als im Rest der Republik. Beide Parteien trennten Welten, sie waren sich so fern wie vielleicht sonst nur noch CSU und Sozialdemokraten in Bayern.

Das alles änderte sich schlagartig mit der Barschel-Affäre 1987, die die Politik in dem Land noch lange prägen sollte. Weil die SPD unter ihrem neuen, intellektuellen und smarten Vorsitzenden Björn Engholm erstmals der CDU nahe zu kommen drohte, startete ein Medienreferent namens Reiner Pfeiffer aus der Kieler Staatskanzlei eine kleine Schlammschlacht gegen den Oppositionsführer – angeblich im Auftrag des Ministerpräsidenten. Der Spiegel stilisierte die Sache zum "Waterkantgate" hoch, die Republik reagierte entsetzt. Regierungschef Uwe Barschel, von seiner Partei bis dahin hoch verehrt, stand mit einmal als finstere Gestalt da, der in der politischen Auseinandersetzung auch auf schmutzige Tricks zurückgriff. Engholm war nun die Lichtgestalt, Barschel der Bösewicht, auf die CDU fiel ein dunkler Schatten.

Barschel gab theatralisch sein Ehrenwort, an den Vorwürfen sei nichts dran. Aber es half ihm nichts: Nachdem ein Untersuchungsausschuss schnell zu dem Schluss kam, dass einige der Anschuldigungen zuträfen und Barschel dafür verantwortlich sei – ein Schluss, der sich heute so nicht mehr halten lässt – trat der Ministerpräsident zurück. Wenig später starb er unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen in der Badewanne eines Genfer Hotels.

Die Landes-CDU, bis dahin stolz und erfolgsverwöhnt, stürzte dies alles in eine tiefe Krise. Sie war zerrissen zwischen "Aufklärern" und jenen, die an Barschel und der alten Linie festhalten wollten. Bei der Neuwahl 1988 eroberte die SPD mit Engholm die absolute Mehrheit und fühlte sich fortan über die CDU erhaben. Die Verhältnisse hatten sich umgekehrt: Die Sozialdemokraten, so lange von der Macht ausgeschlossen, gaben nun den Ton an, die Christdemokraten mussten sich in der Opposition erst einmal wieder sammeln.

Aber auch Engholm stürzte jäh. 1993 musste er in der so genannten "Schubladen-Affäre" zugeben, von Pfeiffers Machenschaften früher gewusst zu haben, als er zugegeben hatte. Und er hatte vor dem Untersuchungsausschuss gelogen. Engholm trat zurück, auch als SPD-Bundesvorsitzender und Kanzlerkandidat. In der CDU fühlten sich nun viele darin bestärkt, dass es die "Barschel-Affäre" eigentlich nie gegeben habe und sie zu unrecht von der Macht verdrängt worden seien. Das verstärkte das Misstrauen und die Gegnerschaft zwischen beiden Parteien.

Unter Engholms Nachfolgerin Heide Simonis beruhigte sich der Konflikt nach und nach. "Es entstand ein annähernd normales Verhältnis zwischen CDU und SPD im Land", sagt der Kieler Politikwissenschaftler Joachim Krause.

2005 folgte dann das große Trauma der SPD. Simonis, die bei der Wahl die Mehrheit verloren hatte, versuchte sich mit Hilfe der Grünen und des SSW, der Vertretung der dänischen Minderheit, mit einer Minderheitsregierung an der Macht zu halten, obwohl einige Genossen schon da für eine Große Koalition plädierten. Bei der Wahl im Landtag versagte ihr aber viermal ein Abgeordneter aus den eigenen Reihen die Stimme, Simonis fiel durch.

Diesmal war nicht die CDU, sondern ein "Verräter" unter den Genossen der Schuldige. Nicht wenige unter den Sozialdemokraten reagierten allerdings ganz erleichtert auf das Scheitern des riskanten politischen Experiments. Schnell einigte man sich mit der CDU auf eine Große Koalition, auch wenn die mit Peter Harry Carstensen nun das Ministerpräsidentenamt besetzte. Die alte Gegnerschaft wollte man, auch aus der politischen Not heraus, hinter sich lassen.

Zwischen den beiden großen Parteien schien, nach Jahren teilweise erbitterter Auseinandersetzung, zunächst ein Neuanfang möglich. Aber schon bald knirschte es vernehmlich, vor allem zwischen Carstensen, dem studierten Landwirt, den allein der glückliche Umstand an die Spitze des Landes geführt hatte, und seinem überaus ehrgeizigen Innenminister Ralf Stegner. Der baute sich schnell zum neuen starken Mann der SPD auf, ließ sich 2007 zum Landesvorsitzenden wählen und auch gleich zum Spitzenkandidaten küren.

Von da an beherrschten kaum noch politische Differenzen zwischen den beiden Koalitionspartnern die Landespolitik, sondern vor allem die persönliche Rivalität zwischen dem einen, der Ministerpräsident ist und bleiben möchte, und seinem SPD-Herausforderer, der es unbedingt werden will. Ende 2007 warf Carstensen Stegner aus seinem Kabinett, aber die Konflikte wurden dadurch nur verstärkt. Zwischen den Koalitionspartnern krachte es immer häufiger, selbst bei scheinbar nichtigen Anlässen. Stegner ätzte gegen den Regierungschef, den er unfähig und überfordert schalt. Carstensen wiederum drohte so oft wie wohl in keinem anderen Regierungsbündnis mit einem Bruch der Koalition, bis er dann am Mittwochabend schließlich ernst machte.

Der Riss zwischen den beiden Protagonisten und ihren Parteien dürfte nicht mehr zu kitten sein. Hinter dem persönlichen Zerwürfnis, analysiert Politikwissenschaftler Krause, steckt allerdings auch politische Taktik. Carstensen, obwohl auch in der eigenen Partei vor allem als Krisenmanager in der Finanzkrise und bei der Schieflage der landeseigenen HSH Nordbank nicht unumstritten, genießt als Landesvater hohe Zustimmungswerte. Er kann bei einer vorzeitigen Wahl auf eine schwarz-gelbe Mehrheit hoffen.

Die SPD dagegen litt, wie auch sonst, weit mehr unter der Großen Koalition. Ihre Umfragewerte sanken immer weiter, durch ständige Querschüsse versuchte der SPD-Landeschef, das Profil seiner Partei zu schärfen. "Carstensen wollte die Koalition zusammenhalten, Stegner seine Partei", sagt Krause.

Die Trennung wird vor allem der CDU nutzen. Stegner muss dagegen fürchten, dass bei einer schweren Niederlage bei der Neuwahl er selbst in Frage gestellt wird. Schwarz und Rot werden jedenfalls in Schleswig-Holstein nicht mehr so schnell zusammenkommen.