Zu Füßen der überlebensgroßen Statue Mozarts spielt sich in der Salzburger Innenstadt Unerhörtes ab. Junge, drahtige Menschen in Trikots, Leggings und mit gewaltigen Rucksäcken auf dem Buckel trippeln hin und her. Vom Himmel fallen Basejumper, Paraglider landen nach akrobatischen Volten neben dem Springbrunnen zwischen Dom und Residenz. Der Countdown erklingt durch Lautsprecher. Ein paar Touristen bleiben stehen und blicken ähnlich verwirrt wie der große Musiker auf seinem Sockel. X-Alps? Bis nach Monaco? Zu Fuß?

Wer vom Extremsport-Wettkampf "Red Bull X-Alps" hört, runzelt erst mal die Stirn. Von Salzburg nach Monaco, mehr als 800 Kilometer quer durch die Alpen, zu Fuß, nur mit dem Paraglidingschirm auf dem Rücken. Fliegen, wenn man fliegen kann, ansonsten: laufen. Ein Begleiter sorgt vom Auto aus für Verpflegung und für ein paar Stunden Nachtquartier.

Wer sich so was ausdenkt? Kann nur die Event- und PR-Maschine des Brauseverkäufers Dietrich Mateschitz sein. Alle zwei Jahre machen sich 30 Athleten aus aller Herren Länder auf den beschwerlichen, je nach Witterung gut zweiwöchigen Höllentrip. Am Sonntag startete die dritte Ausgabe der X-Alps, nicht wie zuvor vom Dachstein-Gletscher aus, sondern in der Salzburger Altstadt. Die ersten Meter führten vorbei an japanischen Reisegruppen und den Pferdeäpfeln der Touri-Kutschen; als allerletzte Etappe lockt ein Gleitflug von der spektakulären Steilküste über Monaco hinab aufs Mittelmeer: Das Ziel liegt im Wasser, auf einem Ponton. Doch Monaco werden nur wenige sehen.

Trotz allen Freigeistertums gibt es ein paar Regeln. Eine davon besagt, dass das Rennen beendet ist, exakt 48 Stunden, nachdem der erste Athlet im Ziel ist – egal, wo sich die Konkurrenten gerade befinden. Bei der Premiere 2005 schafften es nur drei Sportler bis ans Meer.

Michael Gebert, diesmal der einzige deutscher Starter, trabte damals als Fünftplatzierter "irgendwo in den Seealpen rum, nur einen halben Tag entfernt von Monaco". Die Plackerei war zu Ende, ohne das Ziel gesehen zu haben.

Beim nächsten Mal war er wieder dabei, sechs Tage lang. Eine Entzündung im Knie zwang ihn bei Bozen zur Aufgabe. "Überlastung, ich hab vorher zu viel gemacht", sagt der 28-Jährige. Das soll ihm nicht noch einmal passieren. Von einem Sportarzt hat er sich beraten lassen, wie er besser trainieren und mehr auf seinen Puls achten kann. Sogar zwei Laktat-Tests hat er machen lassen.

Gebert ist Fluglehrer in Oberstdorf und organisiert Flugreisen nach Brasilien, Venezuela, Portugal, Island und Norwegen. Sein Hausberg ist das Nebelhorn. Eineinhalb Stunden braucht er für die 1400 Höhenmeter hinauf. Die X-Alps sind für ihn "das Rennen schlechthin, tausend Mal spannender als die Weltmeisterschaft". Man kann sich nicht qualifizieren, sondern wird vom Veranstalter eingeladen. Geberts Empfehlung war 2004 der Sieg bei einen ähnlichen Wettbewerb: mit dem Paraglider von Oberstaufen bis Bad Reichenhall. Die X-Alps-Distanz ist natürlich viel größer – was Gebert und Kollegen noch mehr anspornt.

Sie Strecke der X-Alps-Starter: Alle zwei Jahre machen sich 30 Athleten aus aller Herren Länder auf den Höllentrip © Red Bull X-Alps

Alle Athleten müssen in einem vorgegebenen Zeitrahmen für die X-Alps-Homepage ein Tagebuch verfassen sowie Fotos und Videos einschicken. Über ein Ortungssystem ist Tag und Nacht ersichtlich, wo sich die Sportler befinden, ob sie gerade fliegen, laufen oder rasten, auf welcher Höhe sie sich befinden, wie viel Kilometer sie zurückgelegt haben, zu Fuß und in der Luft, der gläserne Athlet sozusagen. Für die Fans zu Hause am Computer eine tolle Sache, für die Athleten eine zusätzliche Anstrengung. Gebert erzählt: "Ein Mal bin ich beim SMS-Tippen eingeschlafen."

Sein dritter Anlauf Richtung Monaco begann verheißungsvoll: Vom Mozartplatz hinauf zum ersten "Turnpoint" war nur ein Konkurrent schneller. Oben auf dem Gaisberg: Nieselregen, ein kleiner Vorgeschmack auf Kommendes.

Die Wettervorhersagen sind verheerend. Fliegen wird in den nächsten zwei Wochen kaum möglich sein. Das nächste Ziel: der Watzmann, danach Großklockner, Marmolada, Matterhorn, Mont Blanc und Mont Gros kurz vor Monaco. Dort wird niemand die Stirn runzeln, wenn ein Paraglider vom Himmel segelt. Es wird aber auch niemand glauben, wo der gerade herkommt.