Geschlossene Praxen, Behandlung nur noch gegen Vorkasse: Viele niedergelassene Ärzte hatten erbittert gegen die Reform des ärztlichen Honorar-Systems protestiert. Sie befürchteten eine Verschlechterung ihres Einkommens – zum großen Teil grundlos, wie sich jetzt herausgestellt hat. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat die Mehrzahl der deutschen Haus- und Fachärzte im ersten Quartal ein deutliches Honorar-Plus eingefahren.

In einer ersten vorläufigen Gesamtbilanz stellte die KBV die neuesten Honorar-Zahlen vor. Demnach verdienten die rund 140.000 Ärzte in Deutschland rund 7,8 Prozent mehr. Bundesweit hätten 66 Prozent der niedergelassenen Fachärzte durch das zu Jahresanfang eingeführte neue Honorar-System gewonnen. Auch bis zum Ende des Jahres dürften die Honorare noch stärker steigen als bislang angenommen: von rund 29 Milliarden (2008) auf jetzt 31,6 Milliarden Euro.

Allerdings warnte KBV-Chef Andreas Köhler davor, die Zahlen überzubewerten. "Die Spanne bei der Honorar-Entwicklung ist groß." Innerhalb der Arztgruppen gebe es Gewinner und Verlierer. So hätten insbesondere Kardiologen (82 Prozent), Nervenärzte (80 Prozent) und Urologen (77 Prozent) stark hinzugewonnen. Dagegen hätten 35 Prozent aller Ärzte Verluste hinnehmen müssen. Mit 60 Prozent traf es dabei besonders stark die Orthopäden. 44 Prozent der Anästhesisten, 42 Prozent der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und rund jeder dritte Hausarzt bekam ebenfalls weniger.

Als "zufriedenstellend" bezeichnete Köhler die von der Reform anvisierte bundesweite Angleichung der Honorare, vor allem die zwischen West und Ost. Als Beispiel führte er die Hausärzte an. Diese bekämen in der Summe zehn Prozent mehr. Während etwa in Sachsen-Anhalt 95 Prozent der Allgemeinmediziner mehr eingenommen hätten, gelte dasselbe nur für 14 Prozent ihrer Kollegen in Baden-Württemberg. Auch in den Kassenärztlichen Vereinigungen Bayern, Nordrhein und Rheinland-Pfalz sei der Honorar-Zuwachs weit unterdurchschnittlich. Spitzenreiter bei den Gewinnern sind dagegen die Ärzte in Berlin mit 32,2 Prozent, gefolgt von Niedersachsen mit einem Plus von 17,6 und Mecklenburg-Vorpommern mit 15,6 Prozent mehr.

Für Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bedeuten diese Zahlen einen politischen Erfolg – inmitten ihrer Dienstwagen-Affäre. "Die Befürchtungen mancher regionaler Ärztefunktionäre sind deutlich übertrieben und die Protestaktionen unangemessen", sagte sie und forderte: "Jetzt ist es an der Zeit, Aktionen zulasten der Patienten und unberechtigte Proteste einzustellen." Auch Privatpatienten sollten nicht länger bevorzugt behandelt werden.

Dennoch ist es unklar, ob die Ärzte ihren Protest tatsächlich beenden. Am 7. August steht die nächste Verhandlungsrunde mit den Krankenkassen an und zwar über das Honorar-Volumen im Jahr  2010. "Die Verärgerung ist nach wie vor groß", sagte KBV-Chef Köhler und verwies auf die geringen Zuwächse von einigen Arztgruppen und Regionen. Deshalb wollen die Mediziner bei den Gesprächen nun noch mehr Geld für sich herausholen. "Wir sind noch immer in der Kostenunterdeckung", sagte Köhler. Das Problem, dass nur jede dritte Leistung bezahlt werde, sei nur teilweise behoben.