Heute geht in Berlin-Hohenschönhausen ein Schatten an den Start: Bei den traditionellen Sommer-Wettkämpfen der deutschen Eisschnellläufer im heimischen Sportforum wird Claudia Pechstein nicht antreten. Die Berlinerin ist wegen Dopings gesperrt. Nicht einmal gemeinsam mit dem deutschen Team trainieren darf die 37-Jährige, sonst riskiert der Verband seine staatliche Förderung. Und sagen möchte sie auch nichts mehr.

Nur so viel ließ Pechstein am Samstag dem Tagesspiegel übermitteln: "Ich werde selbstverständlich weitertrainieren, egal was gesagt wird und egal was nächste Woche passiert. Für mich geht es immer noch um die Olympischen Spiele in Vancouver."

Eine Entscheidung darüber, ob bei den Spielen im Februar 2010 nur ein Schatten antreten wird oder doch noch Pechstein selbst, kann tatsächlich schon in der kommenden Woche fallen. Dann dürfte der Internationale Sportgerichtshof Cas entscheiden, ob er einem Eilantrag stattgibt, den Pechsteins Anwalt Simon Bergmann an diesem Montag in Lausanne einreichen wird. "Wir wollen erreichen, dass die Trainings- und Wettkampfsperre gegen Claudia Pechstein bis zu einer endgültigen Entscheidung des Cas ausgesetzt wird", sagt Bergmann auf Nachfrage. Wie berichtet ist Pechstein wegen auffälliger Blutwerte von der Internationalen Eislauf-Union (ISU) für zwei Jahre gesperrt worden. Sie beteuert ihre Unschuld und klagt gemeinsam mit dem deutschen Verband beim Cas gegen die Sanktion.

Das endgültige Urteil in diesem Präzedenzfall, in dem auch generell darüber entschieden wird, ob ein schwankendes Blutprofil als Indiz für eine Sperre ausreicht, wird erst für den Herbst erwartet. Dann aber beginnt bereits die olympische Weltcupsaison, für die Pechstein nur privat und auf eigene Kosten trainieren darf. "Für die Athletin bedeutet das Trainingsverbot vor der Olympiasaison einen irreparablen Schaden", meint Anwalt Bergmann. Er will am Montag einen Hilfsantrag stellen, dass Pechstein bis zum endgültigen Urteil zumindest wieder mit anderen Athleten bei einem Verein oder einem Nationalteam trainieren darf. "Sonst kann sie ihr sportliches Niveau nicht halten", sagt Bergmann.

Sollte Pechstein dann nicht lieber gleich aufhören? "Diese Frage stellt sich nicht", lässt Pechstein wissen. Wirklich nicht?

Pechsteins Lager immerhin hat eines begriffen: Die öffentliche Wahrnehmung des Falles ist zu ihrem Ungunsten gekippt. Nach einer Medienoffensive, in der Pechstein ihre Unschuldsbeteuerungen übers Land streute, tauchte sie plötzlich ab und verwies auf eine Pressekonferenz, die noch immer nicht terminiert ist, aber wohl Anfang August stattfinden soll. In der Zwischenzeit ergriffen andere das Wort. Wissenschaftler interpretierten Pechsteins Blutwerte – ihre Retikoluzyten, also die jungen roten Blutkörperchen, wiesen besonders um wichtige Wettkämpfe wie die Mehrkampf-WM im Februar 2009 in Hamar auffällige Ausschläge nach oben aus. Es kamen Zweifel auf an Pechsteins Version, sie leide womöglich an einer genetischen Blutkrankheit – auch weil die ISU bestätigte, dass die Werte bei Tests nach der WM im Februar wieder auf Normalniveau gesunken seien. Wozu Bergmann allerdings sagt: "Diese Werte hat die ISU nicht in dem Verfahren, sondern erst an diesem Donnerstag auf unseren Antrag hin bekannt gemacht. Und auch sie weisen Schwankungen auf."

Pechstein hat sich also auf den Weg durch die medizinisch-juristischen Details gemacht – ob ihr Manager Ralf Grengel, ein früherer Journalist, dieser Strategie folgt, scheint allerdings zweifelhaft. Denn nun kam heraus, dass offenbar ein guter Bekannter Grengels vor gut einer Woche im norwegischen Hamar nach weiteren Blutwerten, die Pechstein zu ihrer Entlastung sucht, fahndete. Mit seltsamen Methoden: Als "Claudias Boyfriend" soll sich der Mann, der mit Grengels Agentur "Powerplay" (die wiederum Pechstein berät) in einem Firmenverbund zusammenarbeitet, ausgegeben und in einem Dopinglabor vehement die kompletten Daten von Pechsteins Blutproben gefordert haben. Eine Labormitarbeiterin rief die Polizei – und Pechstein musste sich am Freitagabend öffentlich von einer Aktion distanzieren, von der sie sagt, dass sie von ihr gar nichts gewusst habe. Grengel dagegen gibt auf Nachfrage zu: "Ich wusste, dass dieser gute Bekannte von mir in Hamar war." Hoffentlich weiß er auch, dass er dem öffentlichen Bild seiner Klientin mit dieser Aktion geschadet hat.