Bernd Eisenfeld aus Halle, Jahrgang 1941, hat mit solcherart Idealismus gar nichts am Hut. Er war nach Berufsverbot und zweieinhalbjähriger Haftzeit 1975 nach West-Berlin übergesiedelt. Er sei ganz bewusst diesen Schritt gegangen. "Die Grenzen waren ausgereizt, ich konnte es meiner Familie nicht mehr zumuten." Er sei immer der Meinung gewesen, dass die Bundesrepublik der bessere Staat sei. Leuten seines Schlages war der Traum vom dritten Weg suspekt. Sie hielten die DDR für nicht reformierbar.

Für Eisenfeld waren die Ausreiseantragsteller "die erste Bürgerrechtsbewegung". Sie hätten der Opposition Vorschub geleistet. Er erinnert daran, dass 75 bis 80 Prozent der Inhaftierten in den 80er Jahren Antragsteller und gescheiterte Fluchtwillige gewesen seien. Die Stasi habe den größten Teil ihres Apparates für diese Leute einsetzen müssen. Das habe Kräfte gebunden, die nicht für die Bespitzelung der Opposition zur Verfügung gestanden hätten.

Der Leiter des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, Rainer Eckert, wie Wolle 1968 von der Humboldt-Universität relegiert, erinnert daran, dass die Friedensgebete im kirchlichen Raum in der Messestadt an "politischer Wucht" gewonnen hätten, als die Ausreisewilligen dazugestoßen seien. Doch es habe auch relativ starke Vorbehalte gegen sie gegeben: Ihr wollt nur weg, ihr habt mit Opposition gar nichts im Sinn, habe es geheißen. Für ihn, sagt Eckert, sei es eine Frage nach Heimat gewesen: "Ich wollte sie nicht aufgeben und auch nicht anderen überlassen. Weil es schließlich die friedliche Revolution gab, war das die richtige Entscheidung."

Man dürfe die Wirkung beider Gruppen nicht aufrechnen, mahnt Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Widerständiges Verhalten in der DDR und die Ausreise- und Fluchtbewegung sollten nicht voneinander abgegrenzt, sondern sie müssten beide addiert werden. Für ihn steht indes fest: "Die Ausreise war die breiteste, dynamischste Bewegung im Vorfeld der friedlichen Revolution mit der stärksten Rückwirkung auf die Delegitimation der DDR."

Die heutige Sicht auf die damalige dramatische Situation verwischt oft, dass sich die Hoffnungen in der DDR des zu Ende gehenden Jahres 1989 ausschließlich darauf richteten, die DDR zu reformieren und zu demokratisieren. Mehr Reisemöglichkeiten, Pressefreiheit, größere individuelle Freiräume, offene Debatten über Umweltschäden und Versorgungsengpässe, mehr Aufgeschlossenheit für internationale Verständigung und Abrüstung – allein das lag im Vorstellungshorizont der Bürgerrechts-, Friedens- und Umweltbewegungen. Und mit diesen Intentionen gingen die Menschen auf die Straße und später die Abgesandten der Gruppen an die Runden Tische – ehe in der Spätphase der friedlichen Revolution der Ruf nach der deutschen Einheit erschallte. Die Reibung zwischen desillusionierten Ausreisern und veränderungswilligen Dableibern – die beide keinerlei Gedanken an ein wiedervereinigtes Deutschland verschwendeten – ist nur unter diesem Vorzeichen nachvollziehbar. Erst aus der Dynamik beider Bewegungen erwuchs die neue, ungeahnte Perspektive der Einheit.