Impfe sich, wer kann – Seite 1
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Während die Zahl der Amerikagrippe-Fälle weiter nach oben schnellt, arbeiten Pharmakonzerne im Hintergrund daran, einen Impfstoff gegen das Influenzavirus A/H1N1 zu entwickeln. Deutschland hat bereits 50 Millionen Dosen bestellt, im Herbst soll mit den ersten Impfungen begonnen werden. Dabei ist die Rechtsverordnung über die Impfungen noch gar nicht beschlossen. Zurzeit beraten die Minister der Länder noch über den Entwurf des Gesundheitsministeriums. Vor allem ist noch unklar, wer die Impfungen durchführen soll, und wer das Ganze bezahlt.
Eine Übersicht über den Stand der Dinge:
Ab wann steht ein Impfstoff zur Verfügung?
Die Entwicklung eines Impfstoffes läuft seit Monaten. In Deutschland sind zwei Hersteller damit beschäftigt, zum einen GlaxoSmithKline in Dresden, zum anderen Novartis in Marburg. Die ersten Impfstoff-Dosen sollen laut Ministerium ab Ende September dieses Jahres zur Verfügung stehen.
Wie viel Impfstoff wird verfügbar sein?
In Deutschland sind die Bundesländer verantwortlich, das Impfprogramm umzusetzen. Dazu wurden vergangenen Freitag von den Ländern bei den Herstellern zunächst 50 Millionen Dosen Impfstoff bei GlaxoSmithKline bestellt. Das reicht für rund ein Drittel der Bevölkerung. Wie viel Impfstoff sich tatsächlich in dem Zeitraum herstellen lässt, ist unter Experten umstritten. Die WHO hatte bereits in ihrer Erklärung vom 13. Juli angemerkt, dass die Produktion des A/H1N1-Impfstoffes langsamer ablaufe als bei der saisonalen Grippe.
Das Gesundheitsministerium warnte gegenüber ZEIT ONLINE allerdings vor Panikmache: "Irgendjemand im Hintergrund versucht, die Medien anzuspitzen. Die Impfstoffe sind bestellt, die Hersteller sind dabei, diese zu produzieren und die Impfstoffe werden rechtzeitig zur Verfügung stehen. Natürlich nicht alle 50 Millionen auf einen Schlag, aber in Chargen." Oder mit den Worten von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: "Wenn jemand geimpft werden möchte, wird das auch gemacht. Aber es kann sein, dass es bis dahin etwas dauert."
Warum wurde nur für ein Drittel der Bevölkerung Impfstoff bestellt?
Die Entscheidung der Bundesländer dazu orientiert sich an der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Im Vergleich: Gegen die "normale" saisonale Grippe können in der Regel nicht mehr als ein Fünftel der Bevölkerung geimpft werden.
Was ist, wenn das nicht ausreicht?
Auf der Website des Ministeriums heißt es dazu, dass im Bedarfsfall über die Beschaffung weiterer Impfdosen entschieden werde. Was darunter zu verstehen ist, erläutert die Sprecherin: "Eine Bedingung für die Hersteller des Impfstoffes war, dass die Länder im Bedarfsfall jederzeit Impfstoff nachbestellen können. Der Bedarfsfall tritt ein, wenn sich plötzlich mehr Menschen impfen lassen wollen. Und er tritt ein, wenn sich die epidemiologische Situation verändert."
Wer wird geimpft?
Grundsätzlich ist diese Frage in der Rechtsverordnung geregelt, die zurzeit von den einzelnen Bundesländern bearbeitet wird. In der Verordnung ist vorgesehen, dass die Länder öffentliche Empfehlungen aussprechen, wer sich impfen lassen soll. Das ist bis jetzt noch nicht geschehen. Auf Basis der WHO-Empfehlung ist aber davon auszugehen, dass vor allem sogenanntes Schlüsselpersonal und Risikogruppen zuerst vor dem neuen Virus geschützt werden. Sprich Ärzte, Polizisten und andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Chronisch kranke Menschen und Schwangere können ebenfalls damit rechnen, als erste eine Impfung zu erhalten. Generell wird aber keiner gezwungen: Schutzimpfungen sind in Deutschland freiwillig.
Wie und wo wird geimpft?
Zunächst einmal müssen die betroffenen Personen der Risikogruppen über die Impfung informiert werden. Wie das geschieht, ist auch Bestandteil der Verordnung. Vorgesehen ist ein öffentlicher Aufruf, beispielsweise durch die zuständigen Gesundheitsämter. Begleitend sollen die Versicherten von den Krankenkassen schriftlich informiert werden. Wo die Impfung stattfinden wird, liegt im Ermessen der Länder. Sprich ob im Krankenhaus oder beim Hausarzt geimpft wird, kann von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein. Lediglich für Schlüsselpersonal sind Impfungen am Arbeitsplatz vorgesehen.
Ab wann ist die Impfung wirksam?
Für eine vollständige Immunisierung gegen das A/H1N1-Virus sind zwei Impfdosen in einem zeitlichen Abstand von mindestens zwei Wochen notwendig. Etwa zehn Tage nach der zweiten Impfung sollte der Immunschutz komplett sein. Vollkommenen Schutz bietet die Impfung nicht: Bei Geimpften zwischen 15 und 60 Jahren schützt der Impfstoff zu etwa 80 bis 90 Prozent, bei über 65-Jährigen nur zu etwa 60 Prozent. Wie lange der Impfschutz hält, wird gerade in klinischen Studien ermittelt. Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der sich die Erreger verändern, gehen Hersteller derzeit davon aus, dass er nur eine Grippesaison lang hält.
Wer bezahlt die Impfung?
Das Gesundheitsministerium hat in der Rechtsverordnung festgelegt, wer die Kosten für die Impfung zu tragen hat. Im Regelfall sind das die gesetzlichen Krankenkassen. Ob allerdings alle Krankenversicherten oder nur Personen der Risikogruppen die Impfung von der Kasse bezahlt bekommen, ist noch unklar. Vor allem dann, wenn die bestellten Mengen nicht ausreichen und im Bedarfsfall nachbestellt werden muss.
Die geplante Massenimpfung schlägt bereits jetzt kräftig zu Buche. Laut Ärzteblatt soll allein die erste Schutzimpfung bei den Kassen Kosten von rund 600 Millionen Euro verursachen. Fachleute schätzen, dass eine Impfaktion für die gesamte Bevölkerung zwei Milliarden Euro kosten würde. Die Krankenkassen wehren sich daher dagegen, allein die Kosten zu tragen. Sie erwarten, dass die Länder einen Teil übernehmen. Dies sei noch Bestandteil der Verhandlungen zwischen Ländern und Kassen, hieß es.
Und wer zahlt den Test?
Auch über die bereits eingesetzten Tests auf eine H1N1-Infektion herrscht mittlerweile Uneinigkeit. Eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe sagte, dass die Kosten für den 150 Euro teuren PCR-Test nicht erstattet würden. Die Kassen wiesen diese Darstellung zurück. In Gesprächen zwischen Ärzten und Krankenkassen soll nun Klarheit geschaffen werden.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Während die Zahl der Amerikagrippe-Fälle weiter nach oben schnellt, arbeiten Pharmakonzerne im Hintergrund daran, einen Impfstoff gegen das Influenzavirus A/H1N1 zu entwickeln. Deutschland hat bereits 50 Millionen Dosen bestellt, im Herbst soll mit den ersten Impfungen begonnen werden. Dabei ist die Rechtsverordnung über die Impfungen noch gar nicht beschlossen. Zurzeit beraten die Minister der Länder noch über den Entwurf des Gesundheitsministeriums. Vor allem ist noch unklar, wer die Impfungen durchführen soll, und wer das Ganze bezahlt.