Schon zu DDR-Zeiten, in der Schule seien seine Lehrer nicht besonders glücklich darüber gewesen, dass sein Name immer ganz oben stand auf den Listen: "Brasch, was halten Sie davon?" "Ich?" Kunstpause. "Das unterschreibe ich nicht." Und der Krawall im Klassenraum war perfekt. Ob seine Interviewpartner sich manchmal vor Thomas Braschs Scharfsinn so gefürchtet haben wie die Lehrer um 1960, später, als es losging mit dem Ruhm?

Im Dezember 1976 war Brasch mit der Schauspielerin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna nach West-Berlin ausgereist, um endlich veröffentlichen zu dürfen: Seine berühmte Prosa Vor den Vätern sterben die Söhne machte den Anfang. Es folgten Gedichte, die Marcel Reich-Ranicki verzückten, irritierende Theaterstücke, radikale Tschechow- und Shakespeare-Übersetzungen und Filme wie Engel aus Eisen, mit dem Brasch nach Cannes und München eingeladen wurde. Seine Dankesrede für den Bayerischen Filmpreis 1981 hielt er als künstlerisches Manifest über den "Widerspruch der Künstler im Zeitalter des Geldes" und verstörte damit sämtliche politische Lager.

27 Gespräche mit diesem Künstler, der "auf dem Messer" ging, hat seine Archivarin Martina Hanf zusammen mit Annette Maennel ausgewählt und wieder zugänglich gemacht. Interviews aus den Jahren 1976-2001, mit dem Spiegel, der ZEIT, mit Theater heute und Le Monde, aber auch mit dem tip-Magazin, der taz und konkret. Einige sind durchaus denkwürdig. Zum Beispiel das Gespräch mit Thomas Wild kurz vor Braschs Tod im Jahr 2001, in dem Brasch im Gespräch über Uwe Johnson das Drama der künstlerischen Energie entwirft. Oder die frühe Auseinandersetzung mit Fritz J. Raddatz, ob Brasch denn nun DDR-Literatur schreibe und ein Dissident sei. Brasch hatte die besseren Argumente auf seiner Seite. Überhaupt: Man kann von seinen Antworten lernen, welche Fragen relevant sind im Gespräch mit einem Schriftsteller. Wann der Funke springt zwischen zwei Gesprächspartnern und also auch den Leser entflammt.

Meistens ist das der Fall, wenn es beiden Seiten um etwas geht oder die Interviewer tatsächlich etwas erfahren und nicht nur ihr Vorurteil bestätigt wissen wollen. In dem großen Gespräch mit der amerikanischen Fachzeitschrift New German Critique ist das so. Deren Fragen regen Brasch zu oral history auf höchstem Niveau an: Seine Analyse der Motive und Phänomene von Politisierung in der DDR hat man so noch nicht gelesen, auch nicht seinen Bericht über die Kadettenschule in Naumburg, das einzige Elite-Internat der DDR, das an Hitlers Napola erinnert und in dem Brasch vier Jahre einsaß. Eine Zeit, die als Riss, als eine Einsamkeit in sein Schreiben eingegangen ist.

Brasch fällt in den Gesprächen nie in einen Jargon, seine Sprache ist meistens eine gedachte, sein Denken eines, das Gegenbilder entwirft. Deshalb sind seine Worte so anschaulich. Deshalb erscheinen seine Gedanken so plausibel, wenn er das Gegenwartstheater eines Botho Strauß kritisiert. Oder wenn er erklärt, warum die Deutschen Tschechow falsch lesen und was die Arbeit des Übersetzens bedeutet.

In fast allen Gesprächen geht es auch um Deutschland. Sätze wie "Die Geschichte? Aus der bin ich gemacht", oder die DDR sei das einzige Land, das, "wenn nicht eine Utopie, so dann doch Schlußfolgerungen aus der Zeit zwischen 33 und 45" gezogen habe, bilden Widerhaken in der Gewissheit einer nach 1989 scheinbar abgeschlossenen Epoche. Ob Brasch aber nun von seinen Erfahrungen in beiden deutschen Ländern erzählt, ob er zur Gesellschaftsanalyse ansetzt, Einblicke in die deutsche Kulturgeschichte öffnet, über Entstehungskontexte seiner Werke spricht oder sein künstlerisches Selbstverständnis entwirft, immer bleibt er im "harten Dialog" mit sich und verlangt ihn auch seinen Zuhörern ab. Darum ist dieser Band ein Geschenk für alle Leser, die dichterisches Denken fasziniert.