Hans Michael Holczer ist einer der wenigen aus der Radsportszene, die sich trauen, die Dinge beim Namen zu nennen. Einen Profiradsport ohne Doping habe es wohl noch nie gegeben und es werde ihn auch nie geben, sagte er in den vergangenen Wochen immer wieder, der "reine Sport", den einige sich noch immer wünschen, sei eine Schimäre, ein naives Wunschgebilde, eine romantische Illusion.

Doch trotz dieser Einsicht kann Holczer vom Radsport nicht lassen. Während der gerade zu Ende gegangenen Tour führte er Gäste eines Veranstaltungssponsors umher und brachte ihnen die angebliche Faszination des Rennens näher, er kommentierte engagiert Rennverläufe für das Fernsehen und gab jedem, der mit ihm reden wollte, Interviews. Eine Rückkehr ins Metier will der ehemalige Manager des Team Gerolsteiner auch immer noch nicht ausschließen, er gibt offen zu, an einer "gewissen Radsportsucht" zu leiden.

Daran leiden offenbar sehr viele: Die Massen, die unvermindert in den vergangenen drei Wochen die 3500 Straßenkilometer in Frankreich säumten, die Sponsoren, die bis auf Weiteres die Tour unterstützen, die TV-Anstalten, die weltweit weiterhin Abermillionen für die Übertragungsrechte ausgeben und ihre Moderatoren mit professioneller Euphorie in die Mikrofone schreien lassen.

Das Spektakel Tour de France ist kerngesund: Die Rundfahrt bleibt einer der Top-Termine im internationalen Sportkalender. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Wenn die Tour de France 2009 eines bewiesen hat, dann das – das Event ist gegenüber dem Dauerskandal Doping resistent. Der Generalverdacht kann dem Radsport nichts anhaben. Dafür gibt es zu viele Süchtige.

Alles ist beim alten – jeder weiß, dass gedopt wird und keiner will es wissen. Wie anders ist es zu erklären, dass geschätzte 700.000 beim Showdown am Mont Ventoux am vergangenen Samstag Spalier standen. Dabei war doch jedem, der sich nur ein wenig mit Radsport beschäftigt, bekannt, wer dort die Protagonisten sind: Die Gebrüder Schleck, deren Kontakte zum spanischen Dopingarzt Fuentes ebenso aktenkundig sind wie die des Tour-Siegers Alberto Contador sowie Lance Armstrong, dem 1999 EPO-Doping nachgewiesen wurde.

Die Tour-Oberen haben diesen unbedingten Willen ihres süchtigen Publikums, das Thema Doping auszublenden, schon lange erkannt. Das Interesse an einem sauberen Radsport gibt es nur in ein paar Redaktionsstuben, und so betreibt man in Paris seit einem Jahr konsequent die Politik, das Thema an den Rand zu drängen.

Armstrong wurde als Magnet für die süchtigen Massen der rote Teppich ausgerollt, dem offiziellen Organ der Tour L’Equipe wurden Dopingberichte untersagt. Gestattet wurde es L’Equipe stattdessen, ein Interview mit dem besten deutschen Fahrer Andreas Klöden zu drucken, obgleich dieser sich weigerte, dabei über Doping zu reden.