Das Unangenehme für Berichterstatter an Wolfgang Wagners Festspielleitung bestand ja vor allem darin, dass sich die rituelle Pressekonferenz stets am Tag nach der Premiere zutrug und zwar um 10.30 Uhr. Wer seine Kritik bis dahin nicht fertig hatte, raste also hinauf auf den Grünen Hügel und eine Stunde später wieder hinunter – und hatte zwar keine Zeit mehr, dafür aber ein zweites, oft noch ergiebigeres Ereignis im Gepäck. Die Pressekonferenzen des "Alten" waren großes Theater, sind Legende. Man konnte sich die Finger wund schreiben über dieses Bayreuth.

Dass Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner, die neuen Festspielleiterinnen, Töchter ihres Vaters sind und trotzdem alles anders machen wollen, zeigt sich auch im Umgang mit diesem Segment. Die besagte Pressekonferenz findet nun am Eröffnungstag selber statt (ein schon etwas länger praktizierter Fortschritt) – und es gibt auch sie in diesem Sommer doppelt: eine erste um 10.30 Uhr zur Eröffnungspremiere mit Tristan und Isolde, eine zweite um 11.30 Uhr mehr zum Kinder-Holländer und zur neuen Festspielleitung im Allgemeinen.

Um halb elf treten auf der Probebühne (auch Festspiel-Lounge genannt) tatsächlich beide Schwestern vor die Kameras und Mikrofone. Eva flüstert etwas, das sich in der Wiederholung als "Wir begrüßen Sie zu den 98. Bayreuther Festspielen" entpuppt, Katharina sagt "Guten Morgen" und dass Peter Schneider und Anna-Sophie Mahler, der Dirigent und die Wiederaufnahme-Regisseurin des Tristan (in Vertretung für Christoph Marthaler), nun Fragen beantworten würden. Und damit entschwinden die Damen Festspielleiterinnen schon wieder. Fragen zum Tristan gibt's natürlich keine.

Eine Stunde später, um halb zwölf und auf der Probebühne IV, steht Katharina Wagner erneut schwesternlos vor den Journalisten. Hier ein Wort zur erzielten Tarifeinigung, dort eins zum Sponsoring, da ein Blick in die Wagnerkinderseele. Es folgt, mit geringfügiger Verspätung, aber nahtlos, das einstündige "Holländerchen", bis etwa 13.45 Uhr.

Jetzt wird es eng. Hurtig etwas in die Tasten gehauen also, sich schnell hinter einem Baum umgezogen oder unter Verrenkungen im Auto, noch einen Blick auf den roten Teppich geworfen und sich als letzte in die Reihe gequetscht – schon erlischt im Festspielhaus das Licht, erfüllt der erste Tristan-Akkord den Raum und nimmt das Marthalerische Stühlerücken, Lichtschalterdrücken und Neonröhren-Blinken seinen sechsstündigen Lauf.

Ein paar Dinge scheinen sich – apropos Werkstatt Bayreuth – inszenatorisch in der Tat geändert zu haben. Ein Rettungsring hinten an der Wand sagt, Achtung, wir sind hier nicht nur bei Christoph Marthaler und seiner Ausstatterin Anna Viebrock zuhause, sondern auch bei Tristan und Isolde auf der Titanic, und wenn der treue Kurwenal den Raum verlässt, dann springt ihm die Gischt entgegen. Brangäne wiederum, Isoldes Vertraute, scheint beim Friseur gewesen zu sein, sehr zu ihrem Vorteil und trotz der unsäglichen dunkelroten Strickjacke, unter der sie seit 2005 zu schwitzen hat.

Michelle Breedts eher hoch timbrierter, schlanker Brangänen-Mezzo und das voluminöse, extrem tragfähige Organ der schwedischen Sopranistin Iréne Theorin als Isolde markieren gleichsam die beiden stilistischen Enden heutigen Wagnergesangs: flexibel und schön differenziert in der Tongebung die eine, was dazu führt, dass sie sich gegen das von Peter Schneider mal mehr, mal weniger inspiriert geführte Orchester nicht immer durchsetzen kann und bisweilen forcieren muss; hektisch, fast meckernd vibrierend hingegen die andere, mit mühelos gellenden Spitzentönen und einem Timbre, das den Verdacht schürt, man habe es hier weniger mit einer geborenen Hochdramatischen zu tun als vielmehr mit einer zu schnell zu kompromisslos aufs dramatische Fach hin getrimmten Lyrischen.