Wie krank war Winfried Kill? – Seite 1

Es ist Mittwoch, der 22. Oktober 2008. Mitten in der Finanzkrise. Und Mister Mittelstand weiß nicht mehr weiter. Winfried Kill, Chefaufseher über die börsennotierte Indus AG mit einer Milliarde Euro Umsatz, liegt in seinem Zimmer und kann nur noch an eines denken: seinen Untergang. Sein Lebenswerk, die Arbeit von mehr als 30 Jahren, bricht gerade zusammen. Eigentlich müsste er draußen sein und kämpfen. Aber Winfried Kill, 69, kann sich seit Wochen zu nichts mehr aufraffen. Er bleibt liegen.

Kills Telefon klingelt. Dran ist Professor Klaus Beier von der Charité in Berlin. Das Gespräch mit seinem Patienten lässt den Psychotherapeuten äußerst besorgt zurück. Beier notiert: "Herr Kill teilte mit, dass er in seinem Klinikzimmer auf dem Boden liege, um sich auf ein künftiges Leben auf der Straße vorzubereiten."

Die Finanzkrise hat viele Gesichter. Das Schicksal von Winfried Kill zeigt eines der hässlichsten. Ein Unternehmer wie aus dem Lehrbuch, der plötzlich die wildesten Millionen-Geschäfte macht. Kill schließt Verträge, Kill bricht Verträge. Seit Monaten laufen seine Gläubiger hinter ihrem Geld her. Nun hören sie von Winfried Kills Anwälten: Sorry, aber Ihr Vertrag ist nichts wert. Denn unser Mandant war beim Abschluss nicht zurechnungsfähig.

So mancher Gläubiger hält das für einen frechen Versuch Kills oder der Familie, sich seiner Verbindlichkeiten zu entledigen. Unzurechnungsfähig haben sie den Unternehmer in wichtigen Momenten in den vergangenen zwei Jahren eigentlich nicht erlebt.

Die Geschichte beginnt im Sommer des Jahres 2007. Niemand kann zu diesem Zeitpunkt ahnen, wie tief Winfried Kill fallen wird. Wirtschaftlich ist sein Leben eine einzige Erfolgsgeschichte. Nach einer kurzen Karriere beim Handelskonzern Otto-Wolff beschließt Kill, Unternehmer zu werden. Mitte der 70er-Jahre, mit 34 Jahren, erwirbt er erst eine Firma, dann noch eine. Sein Konzept gleicht dem des US-Investors Warren Buffett: kaufen und halten. Kill wird reich.

1989 bündelt Kill seine vielen Beteiligungen in der Indus AG. Von der Zentrale in Bergisch Gladbach bei Köln, gelegen mitten in einem Park, steuert die Gesellschaft Dutzende von Unternehmen. Kill stellt klare Ansprüche: Er kauft nur erfolgreiche Produktionsfirmen mit zweistelligen Umsatzrenditen. Nischenanbieter mit stabilem Geschäftsmodell und wenig Bankschulden. Bodenständiger als Indus, sagt man in der Finanzbranche, geht es nicht.

Das gilt auch noch Anfang 2007. Kill, dessen Privatvermögen Geschäftspartner zu diesem Zeitpunkt auf 300 bis 400 Millionen Euro schätzen, hat sich längst aus dem Tagesgeschäft herausgezogen, steht aber noch immer an der Spitze des Aufsichtsrats. Er genießt die Privilegien des Erfolgreichen, ein großes Haus, teure Bilder an den Wänden. Seinen Reichtum nutzt er auch für jene, die arm sind: Waisenkinder in Kathmandu, Schüler in einem Elendsviertel in Brasilien. In Kambodscha beteiligt sich Kill mit vielen Millionen am Bau eines großen Kinderkrankenhauses.

Doch neben Kill, dem Bodenständigen, und Kill, dem Wohltäter, gibt es noch einen dritten Winfried Kill: den Spieler.

Es ist dieser Kill, der 2007 über beste Beziehungen zu Lars Windhorst verfügt. Das ehemalige Wunderkind unter Deutschlands Unternehmern hat für viele wegen seiner mehrfachen Insolvenzen in früheren Zeiten noch immer ein ramponiertes Image. Doch Insider der Finanzwelt kennen Windhorst längst wieder als hochaktiven Investor. Selbst gestandene Anlageexperten blicken neidisch auf sein weltweites Netzwerk. Windhorsts Kontakte sind es, die Kill für zahlreiche Investments nutzt. Und Lars Windhorst verdient für den Unternehmer viele Millionen Euro. Er wird zum Freund der Familie Kill.

Im Mai 2007 plant Windhorst einen Super-Deal. Die Drillisch AG, ein Telekommunikationsanbieter, kommt bei der Suche nach Aktien des Konkurrenten Freenet nicht voran. Windhorst wird aktiv. Er erhält Zugriff auf ein fast 19 Prozent großes Freenet-Aktienpaket. Die Aussichten sind traumhaft: Die Aktien sollen nur für kurze Zeit gehalten werden, ehe sie Drillisch kauft - für einen weit höheren Kurs. Kill steigt ein. Eigentlich will er 30 Millionen Euro investieren, doch Kill, der Spieler, stockt auf. Nun ist er mit 75 Millionen dabei.

Ende November 2007 tritt Drillisch plötzlich vom Kaufvertrag zurück. Das Drama beginnt. Der Freenet-Kurs fällt. Windhorst rät zum sofortigen Verkauf über andere Kanäle - schließlich ist noch immer ein zweistelliger Millionengewinn drin. Doch Winfried Kill, einen deutlich höheren Ertrag vor Augen, legt sein Veto ein. Seine Devise: Stahlhelm auf und durch!

Drei Monate später ist der Krieg verloren. Im März 2008 hat sich der Freenet-Kurs halbiert, die Aktien gehen an die finanzierende Bank Credit Suisse. Kill ist seine 75 Millionen Euro komplett los. Ein Teil davon gehörten seiner Frau und seinem Sohn.

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Diesen Rückschlag kann Kill nicht verarbeiten. Er erhöht seine Dosis. Das Psychopharmakon Lexotanil begleitet Kill seit mehr als zehn Jahren. 1993 starb seine Tochter Sonja bei einem Fahrradunfall. Sie war 21. Der Schock hat für ihren Vater zwei Konsequenzen: Er gründet in ihrem Namen eine Stiftung für notleidende Menschen.

Und zweitens: Kill wird depressiv und nimmt fortan dauerhaft das Beruhigungsmittel Lexotanil. Er wird abhängig.

Die Mischung aus Depression, Medikamentensucht und finanziellem Verlust reißt Kill Ende 2007 in eine immer tiefere persönliche Krise. Schon zu Weihnachten zieht er sich von seiner Familie zurück. Das steht in einem ärztlichen Gutachten, das dem Handelsblatt vorliegt. Er höre nicht mehr zu, sei ständig unruhig, oft aggressiv und greife immer öfter zu seinen Tabletten, heißt es dort.

Ab Februar 2008 häufen sich Kills Anrufe bei einem Neffen, in dessen unternehmerische Projekte er investiert hat. In diesen Gesprächen wirkt Kill extrem labil. Er wiederholt sich häufig, vergisst dafür, was er erst vor fünf Minuten gehört hat. In einem ist er jedoch deutlich: Kill fordert sein Eigenkapital aus den gemeinsamen Projekten zurück. Er braucht das Geld für sich.

Links und rechts von Kill brechen Deals zusammen, die Finanzwirtschaft steckt im Ausnahmezustand. Einer, den es am härtesten trifft, ist ausgerechnet Kills Geschäftsfreund Lars Windhorst. Dessen Unternehmen Vatas kann eine Forderung des britischen Pentagon-Fonds über 21,25 Millionen Euro nicht mehr erfüllen.

Winfried Kill springt ein: Er bürgt gegenüber Pentagon für die komplette Summe, um Windhorst vor der Insolvenz zu retten.

Es ist Mai 2008. Es ist dieses Datum, an dem Kills Ärzte später den Beginn einer Unzurechnungsfähigkeit festmachen. Der Unternehmer sei in der krankhaften Vorstellung gefangen gewesen, ohne Windhorst ins Elend zu stürzen, schreiben sie in ihren Gutachten. Die Übernahme der Bürgschaft sei nicht bei freiem Willen zustande gekommen und daher ungültig. So argumentiert auch Kills Familie und verweigert Kills Gläubigern die Begleichung zweistelliger Millionenforderungen. Man könne keine Verträge erfüllen, die Kill im geschäftsunfähigen Zustand abgeschlossen habe.

So einleuchtend das auf den ersten Blick scheint, desto seltsamer wirkt das, was nun folgt. Am Dienstag, dem 1. Juli 2008, sitzt Winfried Kill im Kölner Maritim-Hotel und leitet als Aufsichtsratsvorsitzender die Hauptversammlung der Indus AG. Niemand merkt etwas von seinem Zustand. Nicht die mehreren Hundert Aktionäre im Raum, nicht der Indus-Vorstandsvorsitzende Helmut Ruwisch, der neben Kill sitzt.

"Herr Kill war gut in Form", sagt auch der damals anwesende Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Er hat vor der Abstimmung sogar Witze über den 1.FC Köln gemacht. Er schien sehr aufgeweckt."

Nur wenige Wochen später aber schließt Kill erneut ein Geschäft ab, das laut seiner Ärzte nur mit einer wahnhaften Depression zu erklären ist. Kill übernimmt von der NordLB für 25 Millionen Euro ein Aktienpaket an RemoteMdx. Die US-Firma stellt elektronische Fußfesseln für Häftlinge her. Die Landesbank hatte 75 Millionen Euro für ihre Beteiligung ausgegeben und prompt zwei Drittel verloren. In Hannover ist die Sache hochnotpeinlich. Ein Händler wird entlassen, ein Vorstand geht.

Doch Kill, der Spieler, sieht eine große Chance. Er weiß, dass weltweit große Investoren an das Geschäft mit Fußfesseln glauben. Die Aktie von RemoteMdx, hofft er, kennt nach dem Absturz nur noch eine Richtung: aufwärts. Kill kann allerdings nur sechs der 25 Millionen aufbringen. Die Lösung: Die Bank gewährt eine Ratenzahlung.

Das Desaster nimmt seinen Lauf, der Remote-Kurs fällt. Und obwohl Kill Ende August 2008 sein vertraglich festgeschriebenes Rücktrittsrecht nutzt, schließt er nur wenige Tage später einen fast identischen Vertrag mit der NordLB - gegen den Rat sämtlicher Berater, allen voran Windhorst, der dringend zum Rückzug rät. Doch Kill setzt wieder den Stahlhelm auf.

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Drei Monate später sind die Aktien nur noch einen Bruchteil wert, Kill muss den vollen Preis an die NordLB zahlen.

Nun ist der Indus-Gründer am Boden zerstört. Er sitzt nur noch vor dem Fernseher und starrt auf die Aktienkurse. "Hängt die teuren Bilder ab und schafft meine Anzüge weg", rät er seiner Familie. Der Insolvenzverwalter stehe bald vor der Tür und werde alles pfänden. Für die Enkel sei nicht einmal mehr ein Wintermantel drin, sagt Kill.

Seine Ärzte schreiben später, er leide unter akutem Verarmungswahn. Der Unternehmer sei nicht mehr Herr seiner Sinne.

Gläubiger Kills bezweifeln diese Darstellung. Michael Treichl, Chef des Londoner Audley-Fonds, streitet sich seit Monaten mit Kill und seiner Familie. Auch er wartet noch auf Millionen. Auf seine Nachfrage bekommt er die Auskunft: "Wir zahlen nicht. Herr Kill war wegen Geschäftsunfähigkeit nicht vertragsfähig."

"Die Sache ist für mich unbegreiflich. Ich hatte Herrn Kill eigentlich als Ehrenmann eingeschätzt, der seinen Verpflichtungen ordnungsgemäß nachkommt", sagt Treichl. "Ich habe selbst im August 2008 mit Herrn Kill verhandelt. Er war weder labil noch gestört. Jetzt zu behaupten, er sei nicht zurechnungsfähig gewesen, ist absurd."

Treichls Skepsis wächst angesichts des Hin und Her in Kills Krankheitsbild. Beim Pentagon-Deal im Mai 2008 soll Kill nicht geschäftsfähig gewesen sein, im Juli bei der Hauptversammlung doch, im August dann wieder nicht. Kills Ärzte erklären die seltsame Abfolge damit, dass Kill immer dann in einen Wahnzustand verfallen sei, wenn er an seine eigene Vermögenssituation gedacht habe. Andere Themen dagegen habe er absolut geistesgegenwärtig behandeln können.

Nicht nur Kills Geschäftspartnern, auch unabhängigen Psychiatern kommt diese Diagnose gewagt vor. "Es gibt bei Depressionen kaum ein solches Hin und Her", sagt Professor Frank Schneider, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Die Fähigkeit, seinen eigenen Willen zu bestimmen, sei kein Zustand, der sich laufend ändere. Schneider hat zahlreiche psychiatrische Gutachten verfasst und ist Autor eines Standardwerks über psychische Erkrankungen. Er habe so etwas weder erlebt noch je davon gehört, sagt Schneider.

So bleiben Vermutungen. Am dramatischen Gesundheitszustand von Kill ab Oktober 2008 gibt es keine Zweifel. Der Unternehmer war seitdem monatelang in stationärer Behandlung in Fachkliniken. Doch was ist mit der Zeit davor? Kills Gläubiger vermuten, seine Familie habe seine Krankheit einfach um ein paar Monate vorverlegt, um sich aus finanziellen Verpflichtungen zu winden. Verdächtig finden sie auch, dass die NordLB ihr Geld noch erhalten soll, andere Gläubiger aber nicht. Mag dies daran liegen, dass man die NordLB, einen wichtigen Kreditgeber der Indus AG, noch braucht, die Fonds aber nicht? Die Familie und die Bank geben hierauf keine Antwort.

Fest steht: Noch im September 2008 hat sich Winfried Kill als Geschäftsführer von zwei neuen Firmen eintragen lassen: der Solea GmbH und der Johanna 111 GmbH, einer Beteiligungsgesellschaft und einer Vermögensverwaltung. Und noch heute ist Kill laut Creditreform Geschäftsführer bei nicht weniger als neun Gesellschaften. Sein Anwalt Egon Schlütter, der mit Kill im Indus-Aufsichtsrat sitzt, wollte sich hierzu nicht äußern: Sein Mandant wünsche das nicht.

Erschienen am 3. August 2009 unter dem Titel "Indus: Mit Psychopharmaka und Stahlhelm" auf Handelsblatt.com