Drei Monate später sind die Aktien nur noch einen Bruchteil wert, Kill muss den vollen Preis an die NordLB zahlen.

Nun ist der Indus-Gründer am Boden zerstört. Er sitzt nur noch vor dem Fernseher und starrt auf die Aktienkurse. "Hängt die teuren Bilder ab und schafft meine Anzüge weg", rät er seiner Familie. Der Insolvenzverwalter stehe bald vor der Tür und werde alles pfänden. Für die Enkel sei nicht einmal mehr ein Wintermantel drin, sagt Kill.

Seine Ärzte schreiben später, er leide unter akutem Verarmungswahn. Der Unternehmer sei nicht mehr Herr seiner Sinne.

Gläubiger Kills bezweifeln diese Darstellung. Michael Treichl, Chef des Londoner Audley-Fonds, streitet sich seit Monaten mit Kill und seiner Familie. Auch er wartet noch auf Millionen. Auf seine Nachfrage bekommt er die Auskunft: "Wir zahlen nicht. Herr Kill war wegen Geschäftsunfähigkeit nicht vertragsfähig."

"Die Sache ist für mich unbegreiflich. Ich hatte Herrn Kill eigentlich als Ehrenmann eingeschätzt, der seinen Verpflichtungen ordnungsgemäß nachkommt", sagt Treichl. "Ich habe selbst im August 2008 mit Herrn Kill verhandelt. Er war weder labil noch gestört. Jetzt zu behaupten, er sei nicht zurechnungsfähig gewesen, ist absurd."

Treichls Skepsis wächst angesichts des Hin und Her in Kills Krankheitsbild. Beim Pentagon-Deal im Mai 2008 soll Kill nicht geschäftsfähig gewesen sein, im Juli bei der Hauptversammlung doch, im August dann wieder nicht. Kills Ärzte erklären die seltsame Abfolge damit, dass Kill immer dann in einen Wahnzustand verfallen sei, wenn er an seine eigene Vermögenssituation gedacht habe. Andere Themen dagegen habe er absolut geistesgegenwärtig behandeln können.

Nicht nur Kills Geschäftspartnern, auch unabhängigen Psychiatern kommt diese Diagnose gewagt vor. "Es gibt bei Depressionen kaum ein solches Hin und Her", sagt Professor Frank Schneider, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Die Fähigkeit, seinen eigenen Willen zu bestimmen, sei kein Zustand, der sich laufend ändere. Schneider hat zahlreiche psychiatrische Gutachten verfasst und ist Autor eines Standardwerks über psychische Erkrankungen. Er habe so etwas weder erlebt noch je davon gehört, sagt Schneider.

So bleiben Vermutungen. Am dramatischen Gesundheitszustand von Kill ab Oktober 2008 gibt es keine Zweifel. Der Unternehmer war seitdem monatelang in stationärer Behandlung in Fachkliniken. Doch was ist mit der Zeit davor? Kills Gläubiger vermuten, seine Familie habe seine Krankheit einfach um ein paar Monate vorverlegt, um sich aus finanziellen Verpflichtungen zu winden. Verdächtig finden sie auch, dass die NordLB ihr Geld noch erhalten soll, andere Gläubiger aber nicht. Mag dies daran liegen, dass man die NordLB, einen wichtigen Kreditgeber der Indus AG, noch braucht, die Fonds aber nicht? Die Familie und die Bank geben hierauf keine Antwort.

Fest steht: Noch im September 2008 hat sich Winfried Kill als Geschäftsführer von zwei neuen Firmen eintragen lassen: der Solea GmbH und der Johanna 111 GmbH, einer Beteiligungsgesellschaft und einer Vermögensverwaltung. Und noch heute ist Kill laut Creditreform Geschäftsführer bei nicht weniger als neun Gesellschaften. Sein Anwalt Egon Schlütter, der mit Kill im Indus-Aufsichtsrat sitzt, wollte sich hierzu nicht äußern: Sein Mandant wünsche das nicht.

Erschienen am 3. August 2009 unter dem Titel "Indus: Mit Psychopharmaka und Stahlhelm" auf Handelsblatt.com