Was ein vorsichtiger, global agierender Unternehmer ist, der lässt eine ganze Menge versichern: Die Werkshallen gegen Feuer, die Autos gegen Unfälle – und die Mitarbeiter gegen Entführung. Kidnapping & Ransom, zu Deutsch Entführung und Lösegeld, heißen die Schutzbereiche jener Policen, die Firmen abschließen können, wenn sie ihre Arbeitnehmer in den Irak oder nach Afghanistan schicken. Dank Taliban und Piratenangriffen wittern die Versicherer wachsende Nachfrage, das Segment gilt als profitabel.

Die neueste Entwicklung passt da ins Bild. Der Spezialversicherer Allianz Global Corporate & Speciality (AGCS), der zur Allianz-Gruppe gehört, kündigte vor wenigen Tagen an, im September eine Lösegeldversicherung für international tätige Konzerne auf den Markt zu bringen. Damit will der deutsche Branchenprimus mit etablierten internationalen Konkurrenten wie Hiscox, AIG oder Chubb gleichziehen. Im lokalen Geschäft mit Entführungen ist der deutsche Großversicherer schließlich schon länger etabliert: Die Tochtergesellschaft Allianz Deutschland bietet bereits seit elf Jahren eine entsprechende Police an – allerdings nur für hiesige Unternehmen und Privatkunden.

Kidnapping-Policen klingen nicht nur für den Laien skurril. Sie sind auch für Experten in Deutschland keineswegs selbstverständlich. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie hierzulande erst seit 1998 zugelassen sind. Vorher stufte die Finanzaufsicht BaFin sie als sittenwidrig ein. Ein nicht ganz abwegiger Gedanke, fußt das Angebot der Policen stets auf einem zynischen Kalkül: Wie viel ist ein Mitarbeiterleben wert? Diese Frage wird bis heute ausschließlich im Verborgenen beantwortet. Werbung für Lösegeldversicherungen ist in Deutschland streng verboten.

Eine sinnvolle Entscheidung, urteilen Spezialisten. Denn die Versicherungen wirkten "grundsätzlich ermutigend", sagt Politikprofessor und Entführungsexperte Klaus Segbers von der Freien Universität Berlin. Allerdings nicht für die Angestellten, die eine Krisenreise antreten müssen – sondern für die Entführer. "Man signalisiert schließlich, dass man ihr Geschäftsfeld anerkennt." Würden die Policen überall populär, fürchtet Segbers, könnte es künftig noch mehr Entführungen geben.

Das ist offenbar auch den Versicherern klar. Die Geheimhaltung im Umgang mit den Kidnapping-Policen übersteigt das übliche Stillschweigen über Prämien und Verträge um einiges. Anfragen blocken die Anbieter ganz ab oder geben sich wortkarg. "Wir können Ihnen nicht weiterhelfen", heißt es vom auf den Bermudas ansässigen Versicherer Hiscox, dem Marktführer im Geschäft mit dem Entführungsrisiko. "Es gibt keine Standardpolicen",  antwortet wiederum Allianz-Deutschland-Sprecherin Claudia Herrmann. Das muss genügen: kein Wort mehr über Prämien oder Leistungen. "Kidnapping & Ransom ist ein sensibles Geschäft, das auf dem gegenseitigen Vertrauen des Versicherers und des Kunden beruht."

Nun denn. Den Angestellten im Kriseneinsatz, um deren Überleben es im Ernstfall gehen sollte, bringen Versicherer und ihre Kunden offenbar weitaus weniger Vertrauen entgegen als sich. In der Regel wissen die Mitarbeiter nichts davon, dass ihr Arbeitgeber derartige Policen für sie abgeschlossen hat. Nützen würde es ihnen ohnehin nicht viel. Ist man erst einmal in der Gewalt von Entführern, dürfte es einem nämlich herzlich egal sein, ob womöglich ein Versicherer zahlt, sagt Notfallpsychologin Ursula Gasch vom Privaten Institut für Kriminalpsychologie in Tübingen.

Nicht nur, dass sich Entführungsopfer in einer psychischen und physischen Extremsituation befinden. Sie wissen auch nicht, ob die Täter überhaupt auf Lösegeld aus sind, oder ob die Entführung ideologische Hintergründe hat. "Selbst wenn es den Entführern eigentlich um Lösegeld geht, kann es vorkommen, dass eine Geisel erschossen wird. Zum Beispiel, wenn sie bei einem Rückzug als Ballast wahrgenommen wird", sagt Gasch. So oder so laufen die Opfer Gefahr, gefoltert oder vergewaltigt zu werden: "Unversehrte Geiseln sind zwar wertvoller. Aber wie ‚unversehrt‘ definiert wird, hängt stark von den Entführern ab." Und bestimmt nicht von der Versicherungssumme.