Fünf Tage vor Saisonbeginn entlässt der Bundesliga-Aufsteiger FSV Mainz 05 seinen Trainer Jörn Andersen. Die Entscheidung der Vereinsspitze scheint unverständlich. Zwar ist das Ausscheiden im DFB-Pokal gegen den Viertligisten VfB Lübeck peinlich – doch deswegen einen Aufstiegstrainer entlassen? Zu diesem Zeitpunkt?

Als Andersen am 24. Mai mit Bier überschüttet zum Mikrofon griff, um mit Tausenden Fans im Mainzer Bruchweg-Stadion den Aufstieg zu feiern, schien er aus dem mächtigen Schatten seines Vorgängers Jürgen Klopp hinausgetreten zu sein. Andersen, in der Saison 89/90 bester Torschütze der Bundesliga, hatte es allen gezeigt. Gleich im ersten Anlauf führte er den FSV Mainz 05 zurück in die Erste Liga. Jürgen Klopp brauchte zwei Jahre mehr. Im DFB-Pokal erreichte er das Halbfinale, einer der größten Erfolge der Vereinsgeschichte.

Die Ergebnisse ließen leicht vergessen, wie schwierig das Verhältnis zwischen dem kühlen Norweger und dem FSV von Beginn an war. Weil er den Charme des Karnevalsvereins zu verspielen drohte, haderten viele Fans. Ausgerechnet "Andersen", gescheitert in Oberhausen, entlassen in Mönchengladbach, gerade abgestiegen mit Kickers Offenbach. Mainz' Manager Christian Heidel und der Präsident des Klubs Harald Strutz mussten ihm oft den Rücken stärken.

Andersen ist kein medienkompatibler Charismatiker wie Klopp, sondern ein Arbeiter, der höchsten Wert auf Ordnung und Disziplin legt. Einst war er als Co für Bundestrainer Joachim Löw im Gespräch. Sein Fußballsachverstand ist ebenso unumstritten wie seine Prinzipientreue. Im Jahr 2007 kündigte Andersen dem griechischen Klub Skoda Xanthi nach nur vier Wochen. Vertraglich festgehaltene Vereinbarungen seien von Vereinsseite nicht eingehalten worden. "Ich bin ein korrekter Mensch", sagte Andersen danach, "so möchte ich nicht arbeiten." Am Montag wurde ihm gekündigt.

Mainz 05 wirkt kurz vor dem Saisonstart nicht erstligatauglich. Die Vorbereitung war ein Desaster. Bis zu 14 Spielern fehlten verletzungsbedingt, ein Testspiel gegen Borussia Dortmund musste abgesagt werden. Vorwürfe wurden laut, Andersen überziehe. Nach einer 1:4-Niederlage gegen Wacker Burghausen strich er seinen Spielern den freien Nachmittag, obwohl die Mannschaft ausgelaugt war. Weitere Trainingseinheiten, weitere Belastungen. Warnungen des Konditionstrainers Axel Busenkell und des Mannschaftsarztes Klaus Gerlach soll Andersen ignoriert haben.