Der renommierte deutsche Mittelstandsinvestor Indus soll monatelang von einem schwer depressiven und arzneimittelabhängigen Aufsichtsratsvorsitzenden geführt worden sein. Winfried Kill, der heute 70-jährige Gründer und langjährige Chef des Unternehmens, war nach Einschätzung seiner Familie und seiner Ärzte ab Weihnachten 2007 wahrnehmungsgestört und geistig kaum noch aufnahmefähig. Dies geht aus einem psychiatrischen Gutachten hervor, das dem Handelsblatt vorliegt.

Demnach war der Indus-Aufsichtsratschef Kill spätestens ab Mai 2008 unzurechnungsfähig. Weil er in verschiedenen Aktiengeschäften mehr als 100 Millionen Euro verloren hatte, sei er in Panikzustände gefallen. Trotzdem blieb Kill bis November 2008 Aufsichtsratschef der Indus AG, einem Geflecht aus 41 Firmen mit insgesamt mehr als 5.000 Mitarbeitern und fast einer Milliarde Euro Umsatz.

Der Fall ist ohne Beispiel in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. In einer Zeit, in der Kill laut Gutachten nicht geschäftsfähig war und an Schuld- und Verarmungswahn litt, leitete er mehrere Aufsichtsratssitzungen und die Hauptversammlung 2008. Nachfragen des Handelsblatts bei Aktienrechtlern und der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ergaben, dass niemand sich an einen Aufsichtsratschef erinnern kann, der trotz schwerer psychischer Störungen an seiner Funktion festhielt.

Doch Kill blieb monatelang im Amt, obwohl er nach Angaben seiner Familie schon Anfang 2008 oft "teilnahmslos vor sich hinstarrte". Sein Neffe gab bei einer ärztlichen Befragung zu Protokoll: "Auch wenn man über einen einfachen Sachverhalt sprach, musste man daran zweifeln, ob Dr. Kill überhaupt verstanden hatte, um was es jeweils ging." Allerdings sei dieser Zustand immer nur dann eingetreten, wenn sich Kill mit der eigenen Vermögenssituation konfrontiert sah. Deshalb verweigert nun seine Familie verschiedenen Gläubigern die Zahlung von zweistelligen Millionenbeträgen. Begründung: Winfried Kill sei bei Vertragsabschluss nicht geschäftsfähig gewesen.

Die Gläubiger halten dieses Argument für vorgeschoben und werfen der Familie vor, die Krankheit des Firmengründers zu missbrauchen, um wenigstens einen Teil des verspekulierten Vermögens zu retten. Der Chef des englischen Audley-Fonds, Michael Treichl, sagte auf Anfrage: "Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Herr Kill das Vorgehen seiner Familie im Detail kennt und billigt." Kill selbst ist für die Gläubiger nicht mehr zu erreichen.

Juristen zeigen sich angesichts der Vorgänge bei der Indus AG perplex. Ein Aufsichtsrat hat nach Paragraf 111 des Aktienrechts wichtige Aufgaben. Vor allem muss er die Geschäftsführung überwachen. Um diese Funktion zu erfüllen, muss ein Aufsichtsrat unbeschränkt geschäftsfähig sein, sagt Aktienrechtler Stefan ten Doornkaat. Dies traf nach Ansicht der Ärzte auf Kill nicht mehr zu. Das Gutachten könnte zur Steilvorlage für leidgeprüfte Indus-Aktionäre werden.

Der Aktienkurs des Unternehmens ist zwischen Beginn der Geschäftsunfähigkeit Kills im Mai und seinem Rücktritt im November um bis zu 50 Prozent gefallen. "Jeder Aktionär kann doch jetzt sagen: ,Wenn ich gewusst hätte, dass der Aufsichtsratschef nicht ganz bei sich war, hätte ich meine Aktien sofort verkauft?", sagt Doornkaat. "Sollte sich herausstellen, dass Vorstand oder Aufsichtsrat Kenntnis von der Geschäftsunfähigkeit von Dr. Kill hatte, sind Schadensersatzklagen Tür und Tor geöffnet."

Die Indus AG ist anderer Meinung. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, man kenne das ärztliche Gutachten. Aber: "Die darin behauptete nicht vorhandene Geschäftsfähigkeit konnte von uns nicht wahrgenommen werden." Diese Meinung vertritt das Unternehmen, obwohl sowohl Kills Anwalt, Egon Schlütter, als auch sein Bruder Günter Kill im Kontrollgremium sitzen.

Kill ist derzeit nicht erreichbar, und seine Familie lehnt eine Stellungnahme ab. Nach Angaben seiner Ärzte wurde Kill im Oktober 2008, immer noch als Indus-Aufsichtsratschef, wegen Medikamentenabhängigkeit in eine Spezialklinik eingewiesen. Dort verschlimmerte sich sein Befinden.

Die Ursache für Kills dramatischen Zustand ist eine Reihe fehlgeschlagener Aktiengeschäfte. Im Sommer 2007 beteiligte er sich am Erwerb von knapp 19 Prozent der Aktien des Telekomdienstleisters Freenet. Kill verlor in der Folge 75 Millionen Euro - eigenes Geld, aber auch das seiner Frau und seines Sohnes.

Um den Verlust wieder auszugleichen, erwarb Kill im Juli 2008 von der NordLB ein 25 Millionen Euro schweres Aktienpaket an der RemoteMdx. Die US-Firma stellt elektronische Fußfesseln für Strafgefangene her. Auch dieses Geschäft ging schief. Die Aktien sind aktuell nur noch drei Millionen Euro wert. Kill hat erst einen Teil bezahlt und schuldet der Bank noch zwölf Millionen Euro. Geschäftsfreunde von Kill behaupten, die NordLB habe bei diesem Geschäft starken Druck auf Kill ausgeübt.

Kill hatte erst von seinem Rücktrittsrecht Gebrauch gemacht, dann aber einen fast identischen Vertrag unterschrieben. Die Landesbank ist einer der wichtigsten Kreditgeber der Indus AG. Außerdem sitzt NordLB-Vorstand Jürgen Allerkamp selbst im Aufsichtsrat des Unternehmens. Eine Zahlungsvereinbarung zwischen der NordLB und Kill vom 15. Oktober 2008 trägt sogar die Unterschrift des heutigen NordLB-Vorstandsvorsitzenden Gunter Dunkel. Zu diesem Zeitpunkt war Kill in so schlechter Verfassung, dass er sich durch seine Frau vertreten ließ. Aufsichtsratschef von Indus blieb er trotzdem. Die NordLB wollte sich auf Anfrage zum Fall Kill nicht äußern.

Erschienen auf Handelsblatt.com am 3. August 2009