Als Soname Yangchen etwa acht Jahre alt, sang sie heimlich zu Kassetten mit chinesischen Liebesliedern. Sie gehörten der Familie, bei der sie Haussklavin war. Eines Tages riss das Band. Soname versprach Buddha, den Rekorder nie wieder anzurühren, wenn er ihr nur helfen würde. Ein Mädchen aus der Nachbarschaft hatte die gleiche Kassette und schenkte sie ihr. "Ich hielt das Versprechen etwa einen Monat lang. Dann wurde ich schwach. Ohne Musik konnte ich nicht leben."

Soname kam 1973 in Tibet in der ländlichen Provinz Yarlung zur Welt. Die Chinesen waren schon da. Sie schikanierten ihre Familie, die aus altem tibetischen Adel stammt. Trotzdem war Soname glücklich. Bei der Feldarbeit sang sie die Lieder, die ihre Mutter sie lehrte.

Als Soname sechs Jahre alt war, endete ihre Kindheit. Die Eltern schickten sie zu einer Verwandten nach Lhasa, weil sie sie nicht mehr ernähren konnten. Die Verwandte reichte sie weiter, und Soname kam zu einer Familie, in der sie, wie sie es in ihrer Autobiografie nennt, das Aschenputtel war. Sie schrubbte und kochte, schlief in der Küche, wurde herumkommandiert.

Irgendwann hörte sie eine Aufnahme mit Michael Jackson: "Ich dachte, er müsse der beste Musiker sein, den es je gegeben hatte. Das war mein erster Kontakt mit westlicher Musik – abgesehen von den komischen Autos der Straßenreinigung, die auf der Hauptstraße hin und her fuhren, Wasser verspritzten und dabei Beethovens Neunte Symphonie spielten. Das war Chinas Art, Tibet zu modernisieren."

Wenn Soname auf den Markt ging, sah sie Mönche, die den Verboten der Chinesen zum Trotz in Prozessionen durch die Stadt wanderten. Im Oktober 1989 hörte sie mit, wie zwei Geistliche die Flucht aus Tibet planten. Sie fuhr mit, auf einem Lastwagen versteckt. Bei Zwischenstopps verlor sie die Weggefährten, die wohl verhaftet wurden. Zufällig fand sie eine Flüchtlingsgruppe. Mit blutenden Füßen stolperte die 16-Jährige über Himalaya-Pässe, kam halbtot in Dharamsala an.

Soname schlug sich als Zimmermädchen durch. Ein Mann schwängerte und verließ sie. Als ihre Tochter Deckyie fast drei Jahre alt war, wusste Soname nicht weiter. Die Eltern des Kindsvaters boten sich an, die Tochter nach Tibet mitzunehmen. Soname trennte sich von ihrem Kind, wie ihre Eltern sich von ihr getrennt hatten. Sie sollte sie erst wiedersehen, als Deckyie längst ein Teenager war. "Meiner Tochter geht es gut", sagt sie heute, "wir finden langsam Kontakt."