Hülle früheren Lebens: leer stehende Wohnungen in Gelsenkirchen © Michael Schlieben

Einer, der diese Schuldzuweisungen inbrünstig vorbringt, ist Klaus Herzmanatus, ein Ex-Genosse. Er war früher Betriebsratschef auf der Zeche Hugo. Mit 15 Jahren begann er seine Lehre als Elektriker unter Tage. Auch sein Vater und sein Großvater arbeiteten schon hier. Herzmanatus trägt "die SPD noch heute im Herzen", sagt er. Aber der Arbeitskampf in den 90er Jahren hat ihn von seiner alten politischen Heimat entfremdet. "Die SPD hat die Bergleute verraten", sagt er, sie habe sich nicht um ihre alte Klientel gekümmert. Als er jung war, habe die Partei noch aus "Malocher-Gruppen" bestanden. Heute werde die SPD dominiert von Beamten und Lehrern, "die nicht mehr unsere Sprache sprechen".

Herzmanatus leitet heute ein kleines Museum, unweit seiner alten Zeche. Er und ein paar alte Kumpel haben Erinnerungsstücke vor dem Müll gerettet und in einer Wohnung in einer Arbeitersiedlung ausgestellt. Umgeben von Möbeln im Gelsenkirchener Barock sieht man Messgeräte, Knappen-Kittel, Gruben-Lampen und, das Herzstück: einen Raum voll mit Devotionalien von Schalke 04. Der Fußball-Klub ist der Stolz aller Bergleute hier. Über ihn reden die alten Kumpel im Museum lieber als über Politik.

Ihr alter Betriebsratschef Herzmanatus hingegen konnte von der Politik nicht lassen. Er ist nun CDU-Mitglied. Für den alten Klassenfeind sitzt er im Rat der Stadt und ist Mitglied im Fraktionsvorstand. Dass ihn ein paar Ex-Kollegen nun als "Wendehals" bezeichnen, sei ihm egal. Er mache "weiter arbeitnehmerfreundliche Politik, genau wie früher". Und das sei am besten möglich in der CDU von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der sich selbst als "Arbeitnehmerführer" bezeichnet.

Dass die SPD "Leute wie Herzmanatus" nicht integriert habe, das habe zu ihrem Erdrutsch in NRW Ende der 90er Jahre entscheidend beigetragen, sagt Norbert Mörs. Er ist der Oberbürgermeisterkandidat der CDU in Gelsenkirchen – und ebenfalls raus zur Zeche Hugo gekommen. Auch Mörs spricht so, wie man es von CDU-Politikern östlich des Rheins selten hört: Sozialpolitik, Umwelt, mehr Jobs für Frauen – das sind seine Top-Themen.

Allerdings wird er kaum Chancen haben. Denn auch die CDU blickt in Gelsenkirchen bereits auf ein gescheitertes Politik-Modell zurück. 1999 eroberte sie das Rathaus erstmals, nach 53 Jahren ununterbrochener SPD-Herrschaft. Der junge CDU-Oberbürgermeister Oliver Wittke schlug damals einen alarmierenden Ton an: Man leide genauso wie in ostdeutschen Städten, sagte er und führte Journalisten in die Elendsviertel. Doch das war das falsche Konzept: Die Gelsenkirchener wollten aber nicht mit Cottbus und Görlitz verglichen werden. "Wittke hat uns den Stolz genommen", sagt ein türkischer Taxifahrer.

Seit 2004 regiert in Gelsenkirchen wieder die SPD. Der neue Oberbürgermeister Frank Baranowski ist durchaus beliebt. Engagiert sei er, besonnen, kein Marktschreier wie Wittke. "Der Strukturwandel ist nichts für Ungeduldige", sagt Baranowski. Das sei "eine Frage von Generationen". Der Oberbürgermeister, ein früherer Lehrer, hat ins Rathaus nach Buer geladen, weil das von Gelsenkirchen seit Jahren eine Dauerbaustelle ist. Natürlich ärgere er sich, wenn Zeitungen seine Stadt als "die schlimmste Stadt" in Deutschland vorstellen, wie das die Buisness Week einst tat – aber, er zuckt die Achseln, man gewöhne sich daran.

Nicht zu Unrecht verweist er darauf, dass in Gelsenkirchen in den letzten Jahren einiges entstanden ist. Die Stadt war zum Beispiel Pionierin bei der Solarenergie. Rings um die Fachhochschule und einen Wissenschaftspark haben sich ein Dutzend Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien angesiedelt. Das sind gut 1000 neue Jobs. Nicht mehr 80.000, wie zu Kohle- und Stahl-Zeiten, aber ein Anfang. "Uns erreicht der demografische Wandel früher als andere", sagt Baranowski. Deswegen plane man hier auch früher, wie man Stadtteile renaturiert, wie man alte Industriebrachen umwandelt, wie man Innenstädte altersgerecht umbaut.

Inzwischen bereisen Experten aus aller Welt Gelsenkirchen, um hier etwas zu lernen. Im Wissenschaftspark, unweit der Bochumer Straße, ist gerade eine Delegation aus Taiwan zu Besuch. Der Direktor des Parks sagt, er hat schon viele "Heilsversprechungen" für den Strukturwandel kommen und gehen sehen. Aber eine Massenindustrie wie den Bergbau werde man nie wieder bekommen. Das sei auch gut so, an Gelsenkirchen sehe man doch, wohin die monoindustrielle Ausrichtung in Krisenzeiten führe.

Genau der trauern alte Kumpels wie Willi und Horst aber hinterher. Sie lehnen an der Bar ihrer Stammpinte, in ihrer alten Bergarbeiter-Siedlung. "Solar" und "Renaturierung" sind für sie Plastikwörter. Sie erzählen sich lieber die Geschichten von damals, aus dem Schacht – und von Schalke. Auf die Politik angesprochen haben sie einfache, betrunkene Lösungsansätze: Sie schimpfen auf Bosse, die zu viel kassieren, und auf Ausländer. Der Wirt, ein Pole, schimpft zurück.

Bis auf die Straße hört man die Rentner noch brüllen und debattieren. Keine Frage: Gelsenkirchen leidet, aber es lebt.