Das Schiff ist 17 Jahre alt, mit Holz beladen und in den sichersten Gewässern der Welt unterwegs – für Piraten gibt es lohnendere und einfachere Beute auf den Meeren zwischen Skandinavien und Nordafrika.

Und doch wurde die Arctic Sea womöglich von Seeräubern gekapert. Das vermutet zumindest die britische Küstenwache.

Der Frachter, der unter maltesischer Flagge fährt, gilt als verschollen. Wo der Frachter, der bei der Internationalen Marine Organisation unter der Nummer 8912792 registriert wurde, von der Firma namens Solchart Management in Helsinki bereedert wird und dem Malteser Unternehmen Arctic Sea gehört, abgeblieben ist, beschäftigt die Behörden von fünf Staaten.

Zeitungen in ganz Europa berichten von einer mutmaßlichen Entführung durch Piraten. Seeräuber auf der Nordsee? Das hat es seit einer Ewigkeit nicht mehr gegeben, sieht man einmal von den Kaperungen feindlicher Handelsschiffe in den Weltkriegen ab. "1. Piraten-Überfall auf der Ostsee" titelte die Berliner Boulevardzeitung BZ. Störtebeker und andere Piraten des 14. und 15. Jahrhunderts lässt das Blatt außer Acht. Auch zwischen Kiel und Kopenhagen hat es Seeräuber gegeben, doch die Binnenmeere stehen heute unter Kontrolle technisch weitentwickelter Staaten wie Dänemark, Deutschland, Polen und Schweden.

Alles deutet daraufhin, dass im Fall "Arctic Sea" keine Piraten ihre Finger im Spiel haben. Das Internationale Marine Büro (IMB) im malaysischen Kuala Lumpur, das weltweit Seeräuberangriffe registriert, zählt für das laufende Jahr in nördlichen Gewässern keinen einzigen Überfall. Die ständig aktualisierte Piratenkarte zeigt für die Nordsee ein ungetrübtes Blau. Vor Somalia hingegen reihen sich dutzende rote Punkte aneinander, ein jeder dokumentiert eine echte Seeräuberattacke. Auch in Südostasien und Südamerika registriert das IMB mehrere Fälle von Piraterie.

Vor allem in den Gewässern um Indonesien und die Straße von Malakka verschwanden in den vergangenen Jahren ganze Schiffe. Dort ist die Überwachung der Schifffahrt aber nicht so perfektioniert wie in Europa. Und in mehreren Fällen sollen korrupte Beamte und Piraten Hand in Hand gearbeitet haben. Nach der Kaperung strichen die Piraten den Schiffsnamen über, steuerten einen einsamen Hafen an und erhielten neue Fracht- und Schiffspapiere. Die Besatzung wurde ausgesetzt oder ermordet.

Für Ost- und Nordsee schließen Fachleute ein solches Verbrechen aus. Dennoch brodelt die Gerüchteküche. Von einer Meuterei ist zu lesen, von einer Geiselnahme, von einer Katastrophe. Bestätigt ist nichts.