Die letzte Station von alten, ausgedienten Pferden oder aus der Mode gekommenen Hunden ist, wenn sie Glück haben, nicht der Schlachthof oder die Autobahnraststätte, sondern der Gnadenhof. Dort können sie mit anderen Artgenossen ihren Lebensabend verbringen und in alten Zeiten schwelgen: Damals, als sie noch gebraucht und bewundert wurden als Turnierpferd oder Show-Wau-Wau.

Dass Buchstaben das gleiche Schicksal ereilen kann, klingt zunächst irritierend. Doch was passiert mit dem in Schreibschrift geschwungenen und mit Neonröhren besetzten Schriftzug Schuhe, der seit den fünfziger Jahren seinen Dienst über dem Schuhladen an der Ecke leistet, nachdem sein Besitzer zum letzten Mal die Tür für seine Kunden aufschließt? Und wohin sollen H, A, U und P, wenn aus dem Berliner HAUPTbahnhof der OSTbahnhof wird, ihnen also ihr Job von O und S gestohlen wurde?

Seit 2005 kümmern sich die beiden Berlinerinnen Barbara Dechant und Anja Schulze um solche Fälle: Ihr gemeinnütziger Verein Buchstabenmuseum e. V. betreibt zurzeit in der Leipziger Straße in Berlin Mitte ein Schaudepot – ein Lager für ihre mittlerweile über 300 ABC-Schützlinge, das regelmäßig für Besucher offen steht.

"Es ist die Liebe zur Typografie. Ich habe schon immer Buchstaben gesammelt", sagt die Kommunikationsdesignerin Barbara Dechant. "Wenn wir Schriftzüge oder auch nur einzelne Buchstaben entdecken, die nicht mehr gebraucht werden, kontaktieren wir deren Besitzer. Nach kurzer Verwunderung ist die Reaktion meist sehr positiv. Die Leute freuen sich, wenn ihre Ladenbeschriftung nicht auf dem Müll landet, sondern in Ehren gehalten wird."

Dechant und Schulze organisieren dann den Transport ins Schaudepot; manchmal keine leichte logistische Aufgabe: Bis zu 2,5 Meter hohe und 10 Meter lange ABC-Riesen stehen im Lager. DeTeWe, die selbst leuchtende Abkürzung der Deutschen Telephonwerke aus Metall zum Beispiel. Daneben die 40 Kilo schwere Typografie von Autoradio Blaupunkt in Helvetica Medium Italic oder der verchromte Daimler Chrysler-Schriftzug von einer Automesse in Paris, der nicht mehr gebraucht wird, weil Daimler Chrysler nicht mehr Daimler Chrysler heißt.

Ein Schriftzug, der Dechant und Schulze momentan besonders am Herzen liegt, ist der des Aquarium- und Zoohandels Zierfische. Der Laden am Frankfurter Tor in Berlin Friedrichshain ist Anfang des Jahres Pleite gegangen. Bedauert wird nicht nur die Auflösung des Geschäfts, sondern auch, dass der lieb gewonnene Schriftzug in Verbindung mit den Bildern von drei Fischen und Seegras Platz machen musste für einen neuen Laden und einen neuen Namen.

"Das ist teilweise eine ganz emotionale Sache", sagt Dechant, die selbst in der Nachbarschaft wohnt. "Ein Nachbar fragte mich: ‚Was soll ich denn jetzt sagen, wo ich wohne? Ich habe immer gesagt: Ich wohne über den Zierfischen.'" Und so schwingen in jedem einzelnen Buchstaben, den man im Lager des Buchstabenmuseums sehen kann, nicht nur ein Stück Firmengeschichte, Typografiegeschichte oder Kulturgeschichte mit, sondern auch persönliche Geschichten, Anekdoten und Verbundenheiten.