Lage peilen, Leute sondieren, Gefahr orten. So geht der Job. Die Drähte im Geröll, okay, da liegt die Bombe, der Typ vor der Metzgerei winkt recht freundlich. Aber vielleicht kann er mit seinem Handy ja die Explosion auslösen? Es ist totenstill auf der Straße, die Sonne glüht über Bagdad, und der Kommandant der kleinen Spezialeinheit für Bombenentschärfung stapft weiter Richtung Geröll. Er atmet schwer in seinem zentnerschweren Schutzanzug mit dem Astronautenhelm. Die Erde hier ist unbewohnbar wie der Mond.

Staub, Hitze, Atemnot. Ein Autowrack mit einem Koffer voller Bomben. Sprengstoff, eingenäht in eine blutige Leiche. Ein irakischer Familienvater, dem Dynamit umgeschnallt wurde, mit Stahlreifen und Vorhängeschlössern. In zwei Minuten fliegt er in die Luft. Es ist ein grausames Geschäft, das die drei Bombenexperten im Irak verrichten: Specialist Eldridge (Brian Geraghty), Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) und William James (Jeremy Renner), der neue Boss, ein Draufgänger. Der alte hat den Einsatz vor der Metzgerei nicht überlebt. Noch 38 Tage bis zur Heimreise nach Amerika.

Antiterror- und Irakkriegsfilme sind längst ein eigenes Genre: der Öl-Thriller Syriana mit George Clooney, Michael Winterbottoms Road to Guantanamo, der Folter-Krimi Rendition, Brian de Palmas Redacted, Paul Haggis’ Heimkehrer-Drama Im Tal von Elah – sie alle entstanden in der Bush-Ära, als Protestkundgebungen des anderen Amerika. Kathryn Bigelow macht mit ihrem in Jordanien gedrehten Bagdad-Film Tödliches Kommando da keine Ausnahme.

Mittlerweile hat der von Obama versprochene Truppenabzug aus dem Irak begonnen, Kritik am Krieg ist Konsens in Amerika. Dennoch hat die Zeit Bigelows Bilder nicht überholt, nehmen sie doch konsequent den Blickwinkel der extremen Nahaufnahme ein. Zwischen Ruinen, Müll und Schutt, geht es nicht um Politik und Gesinnung, sondern nur darum, in Sekunden das Kabel des Zeitzünders abzuzwacken. Und in der Wüste musst du so genau wie möglich auf den Gegner hinter der Ziegenherde zielen. Sandverkrustete Augen, eine Fliege, ein Schwächeanfall, Warten, sengende Hitze – Krieg als schweißtreibende Millimeterarbeit, als reine, sinnentleerte Gegenwart.

Dabei erliegt Bigelow dem Adrenalinkick nicht, dem die Männer im Einsatz mit rüden Sprüchen Ausdruck verleihen, dem Thrill der Gewalt, der im Vorspann benannten Droge des Kriegs. Dafür ist sie viel zu sehr Expertin männlicher Codes, nach den Testosteronstudien ihrer Polizei- (Blue Steel), Surfer- (Point Break) und U-Boot-Thriller (K 19 – Showdown in der Tiefe). Wenn sie doch einmal eine Patronenhülse in Zeitlupe zu Boden tanzen lässt, dann stilisiert sie weniger, als dass sie die Ästhetik des Waffenfetischismus bewusst zitiert. Bigelow konzentriert die Spannung in den Augenblick und verlegt sie in die Seelen der drei Soldaten. Ein Psycho-Actionfilm.

Der Krieg als Handwerk. James, der wild man, entschärft mit bloßen Händen, fingert mit der Kneifzage herum, zieht entnervt den Schutzanzug aus, kappt den Funkkontakt. Er ist kein Teamplayer, mit seinen Alleingängen gefährdet er die anderen. Als sie einem Oberst begegnen, will der die Zahl der Bombenaktionen wissen und bewundert James als Superhelden. Ein derart antiquiertes Männerbild befremdet selbst den Kriegsjunkie.

Der Macho James, der besorgte Sanborn, der unsichere Eldridge – die drei bilden eine kleine Familie. Man schlägt sich, verträgt sich, besäuft sich, redet nicht viel. In einer Kiste sammelt James Schalter, Batterien, Andenken an Dinge, die ihn um ein Haar getötet hätten. Auch sein Ehering ist dabei. Als er nach den 38 Tagen heimkehrt, steht er hilflos vor den Regalmetern voller Cornflakes im Supermarkt – und kehrt in den Irak zurück, ein ewiger Cowboy à la John Wayne, den aber niemand romantisch verklärt. Der Zivilisation ist er abhanden gekommen, weil er die Angst in sich abgetötet hat. "Thanks for playing", ruft er dem Gegner zu.