Rechtsanwälte lieben die großen und die kleinen Gesten - erst recht im richtigen Ambiente. Andreas Tilp eilt mit ernster Mine durch die neobarocken Hallen des Münchener Justizpalastes. Eine riesige, 67 Meter hohe Glaskuppel krönt das Gebäude. In unseligen Zeiten fanden hier die Prozesse gegen die Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose statt, später das Indizien-Mordverfahren gegen Vera Brühne.

Auch Rechtsanwalt Tilp will hier ein Stück Rechtsgeschichte schreiben. In einem Musterverfahren will er unvorstellbare Summen von der Skandalbank Hypo Real Estate einklagen. Allein in diesem Verfahren fordert er im Namen von Fonds aus Deutschland, den USA, Arabien und anderswo 320 Millionen Euro. Es ist einer der spektakulärsten Schadensersatzprozesse, die Deutschland je gesehen hat.

Als Rechtsanwalt Tilp also mit seiner barocken Figur und der obligatorischen Aktientasche unter dem Arm den Verhandlungssaal betritt, da stellt er im Blitzlichtgewitter der Fotografen erst einmal demonstrativ zwei Bücher auf den Tisch. Auf dem kleineren, orangen steht "KapMuG". Das ist das neue Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, das nach US-Vorbild auch in Deutschland Sammelklagen ermöglichen soll. Fein säuberlich daneben stellt Tilp ein rotes Buch - den "Kölner Kommentar zum KapMuG". Die Kommentierung ist - so ist das nun einmal in der Juristerei - deutlich dicker, 878 Seiten stark.

Erst dann gibt Tilp das erste Interview. Auf seiner Homepage zitiert er eine Zeitschrift, die ihn als "die Nummer eins unter den Kapitalanlagerechtlern" bezeichnet. Doch die HRE-Verfahren sind auch für Tilp eine große Nummer. Nervös rückt er noch einmal seine dunkle Brille zurecht, und erklärt dann mit lauter Stimme und seinem unverkennbaren schwäbischen Akzent, dass es "einer der krassesten Fälle in Deutschland" sei. Die HRE habe Milliardenschaden verursacht. "Zigtausende Anleger haben Verluste erlitten. Für diese Steuerzahler klagen wir." Das ist wohl ein kleiner Gruß an Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der süffisant kommentiert hatte, es sei allein dem Geld der Steuerzahler zu verdanken, dass es überhaupt noch eine Bank gebe, die man verklagen könne.

Allen Beteiligten ist bewusst, dass die Prozesse sich über Jahre hinziehen werden. Doch der Fall der Hypo Real Estate - so kompliziert seine Lösung auch sein wird - ist eigentlich schnell erzählt. Zwei Hauptvorwürfe stehen im Raum: Zum einen hatte der Ex-HRE-Chef Georg Funke Ende 2007 den Eindruck erweckt, dass der Immobilienfinanzierer von der globalen Finanzkrise kaum betroffen ist - ganz im Gegenteil, man werde gestärkt daraus hervorgehen. Am 15. Januar 2008 schockte die Bank dann mit Abschreibungen in Höhe von 390 Millionen Euro. Der Aktienkurs brach um mehr als ein Drittel ein - für einen Dax-Wert ein nie da gewesenes Desaster. Wegen dieser Diskrepanz hatte Richter Matthias Ruderisch einem Anleger in einem anderen Verfahren Schadensersatz zugesprochen. In wieder einem anderen Prozess sagte Ruderisch, gewisse Erfolgschancen sehe er für Klagen, die Aktienkäufe zwischen Ende November 2007 und Mitte Januar betreffen.

Zweiter Vorwurf der Anlegeranwälte: Die HRE habe die Risiken verschwiegen, die aus dem Kauf des Staatsfinanzierers Depfa entstanden seien. Die Probleme der Depfa hatten den gesamten HRE-Konzern in Schieflage gebracht.

Nun gibt es in der Finanzbranche den Spruch, dass man schlechtem Geld nicht noch gutes hinterherwerfen solle. Manche sehen auch die Anlegerklagen in diesem Licht: Die meisten würden abgewiesen, Gewinner seien am Ende oft nur die Anwälte.