Dennis hat sich in einen Spiegel mit buntem Holzrahmen verliebt. Wäre er jetzt auf einem normalen Flohmarkt, er würde  mit dem Verkäufer verhandeln und den Preis so weit wie möglich drücken. Beim "Intimflohmarkt" in der Berliner Galerie TÄT ist das anders. Hier kostet der Spiegel "12 Minuten über das Thema Selbsterkenntnis". Der Preis für einen Mantel beträgt "20 Minuten über etwas, mit dem Du zu kämpfen hast", ein grünes Top kostet "5 Minuten über eine Jugendsünde", den neuen Ring am Finger gibt's für "5 Minuten über ein schmutziges Geheimnis".

Irritiert blickt Dennis auf das ungewöhnliche Preisschild. "Ist gar nicht schlimm", beruhigt ihn die Veranstalterin Alexandra Müller und deutet auf eine kleines Kabuff in der Ecke der Galerie. "Wir setzen uns einfach hinter den Vorhang und reden." Die Gespräche sind anonym, keiner der anderen Besucher kann zuhören.

Wenig später sitzt Dennis auf einem kleinen Klappstuhl, hat ein Mikrofon vor der Nase und erzählt, dass seine letzte Selbsterkenntnis wohl die gewesen sei, "dass ich der ganzen Welt bei Facebook mitgeteilt habe, dass ich gerade in Rom bin." Dabei habe er es eigentlich nur einer Person mitteilen wollen. "Ich hatte gehofft, dass sie es liest und sich mit mir dort trifft ..."

"Die zwölf Minuten sind um, viel Spaß mit Deinem Spiegel", beendet Müller das Thema Selbsterkenntnis. Dennis ist erleichtert. "Es war schon sehr komisch", sagt der 23-Jährige, "aber irgendwie ist es mir auch leicht gefallen, weil ich sie nicht kenne und mir somit auch vor ihr nichts peinlich sein muss."

"Verschwende deine Daten" hat Müller ihre Performance genannt. Doch ihr "Intimflohmarkt" ist mehr als nur eine Weiterführung öffentlicher Zurschaustellung. Er ist vielleicht sogar das Gegenteil: Ein erstaunlich leiser Moment in einer immer lauter werdenden Gesellschaft.

Müller hat sich in früheren Projekten selbst als öffentliche Person inszeniert - und dabei ungeahnte Reaktionen erfahren. Bei ihrer Performance Don’t cry.work! FmbH machte sie sich sieben Tage lang zur "Arbeitssklavin". Als "Frau mit beschränkter Haftung" (FmbH) konnte jeder sie buchen. "Ich habe alles gemacht, außer sexuellen Handlungen natürlich", sagt die 26-Jährige. Während sie Kinder gesittet und Böden geschrubbt habe, hätten plötzlich wildfremde Menschen angefangen, ihr spannende Geschichten zu erzählen. "Der Redebedarf war überwältigend."