Wenn eine U-Bahn bei der Einfahrt tosenden Applaus erhält, muss sie etwas ganz Besonderes sein: eine "Kanzler-U- Bahn". Seit heute pendelt die neue Hauptstadt-Linie U55, deren Baupannen jahrelang Negativ-Schlagzeilen machten, planmäßig zwischen dem Berliner Hauptbahnhof und dem Brandenburger Tor hin und her.

Zur Eröffnung ist die Liebe zu Deutschlands kürzester und teuerster U- Bahn-Strecke plötzlich riesengroß. Sektgläser klirren und über das schnoddrige Berlin legt sich kurz ein ungewohntes Pathos. "U-Bahn der Einheit" nennt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Mini-Strecke durch das Regierungsviertel.

Gibt es etwas zu feiern, ist der Berliner dabei. Auch der Tourist lernt schnell, wenn es etwas umsonst gibt. So ist der große Bahnhof für die kleine U-Bahn, die am Eröffnungstag Freifahrt bot, nicht verwunderlich. Da ist kurz vergessen, dass diese U-Bahn den Steuerzahler nach fast 14 Jahren Bauzeit satte 320 Millionen Euro gekostet hat - für knappe drei Minuten Fahrt.

Hunderte Schaulustige säumen am Morgen die Gleise der drei neuen U-Bahnhöfe. In seiner Fahrerkabine wirkt U-Bahn-Manager Andreas Petrenz aufgeregt - und das nach 25 Jahren bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). "Die nagelneuen Stationen, die Tunnel, die Leute; das ist was ganz, ganz Tolles", schwärmt er. Sind 1,8 Kilometer Schienenstrecke für einen Berliner U-Bahn-Fahrer denn nicht etwas frustrierend? Nein, nein, versichert Petrenz. Viele Fahrer hätten sich gern zum Dienst auf der U55 gemeldet.

Das Berliner Publikum ist später kritischer und wirkt beim U-Bahn- Gucken ein bisschen wie bei einer Theaterpremiere. Der Bahnhof Bundestag fällt bei manchem Schaulustigen sofort durch. «Sieht aus wie ein Betonbunker», sagt ein junger Mann. "Krematoriums- Architektur", nörgelt ein anderer.

Der Bahnhof Brandenburger Tor mit seinen dunklen Säulen, hellen Lichtbändern und Installationen zur Teilung und Wiedervereinigung Berlins entlockt den ersten Fahrgästen dagegen ein anerkennendes Pfeifen. Er will ja auch mehr sein als ein Haltepunkt. Es ist ein Bahnhof mit "Geschichtsanschluss", in dem die Reisenden zu Zitaten aus der deutschen Geschichte die Rolltreppen hinabgleiten.

Doch viele Fahrgäste lassen sich davon nicht blenden. Sie wissen, dass Berlin für 320 Millionen Euro auch 20 Kilometer Straßenbahnstrecke hätte bauen können - oder 80 Jahre lang seine Radwege hätte sanieren können.